Als Ex-Königin Marie-Jose von Italien neben Erzherzogin Anna von Österreich Platz nahm, ging ein Raunen durch den Ballsaal des Hotel Richemond in Genf, in dem Christie’s erste Auktion auf dem Kontinent stattfand, die Versteigerung einer bedeutenden Sammlung frühen Meißner Porzellans.

Trotz aller Bemühungen des Eigentümers, anonym zu bleiben, war in Kunsthandelskreisen durchgesickert, daß es sich um unbekannte und unpublizierte, zum Teil sehr seltene Stücke aus dem Besitz Ex-Königs Umberto von Italien handelte. Sie stammen direkt aus der berühmten Sammlung Augusts des Starken, König von Sachsen und Polen, und sollen als Teil einer Mitgift an das italienische Königshaus gelangt sein.

Der Kunsthistoriker Dr. Geza von Habsburg, Sohn der Erzherzogin Anna von Österreich, der Christie’s Experte für Gemälde und Skulpturen ist, hat das Verdienst, den sensationellen Fund gemacht zu haben, der bei der Auktion mehr als eine Million Franken erbrachte.

In Kisten verpackt, in alten Schränken und Truhen befand sich das „alte Porzellan“, dessen Wert dem Besitzer völlig unbekannt war. Und nur weil sich Dr. von Habsburg bei einem Besuch bei Umberto I. für eine kostbare japanische Kakiemon-Schale interessierte, fiel überhaupt das Stichwort „Meißen“.

Was zutage kam, war ein seltener „archäologischer“ Fund: frühes Meißen (Boettger fand das Porzellanrezept 1708) aus der Zeit von 1710 bis 1740. Der größte Teil datiert aus der Zeit vor 1730, eine Menge der Stücke trägt noch nicht die 1724 eingeführte Schwertermarke. Zwei Vasen nach japanischem Vorbild (Augustus-Rex-Monogramm) waren direkt für den Hof angefertigt worden.

Porzellan dieses Ranges hatte die internationalen Händler und Sammler nach Genf gelockt. Trotz des Verdikts des Präsidenten des Schweizer Antiquitätenhändler-Verbandes, Baron Jörg Stuker, der seine Mitglieder zum Boykott aufgerufen hatte, waren auch Schweizer Händler erschienen, in vorderster Linie bietend und kämpfend Porzellan-Expertin Dr. Andreina Torre, die demonstrativ aus dem Verband austrat. Sie erwarb einige der Spitzenobjekte der Auktion.

Die 166 Nummern des Katalogs erbrachten insgesamt 1 146 250 Franken. Kein Stück ging zurück. Die Schätzpreise wurden größtenteils überschritten, zum Teil beträchtlich.