So wie in den letzten Jahren kann es in Salzgitter nicht weitergehen. Das bundeseigene Großunternehmen, das in den vergangenen drei Geschäftsjahren trotz beträchtlich verminderter Investitionen Verluste von fast einer halben Milliarde Mark „erwirschaftet“ hat, steht vor einer Generalbereinigung. Auf finanziellem Gebiet sind die ersten Schritte getan worden. Das Grundkapital von 460 Millionen Mark, das kaum einen Kurs von 20 Prozent hätte, wenn es an der Börse notiert würde, ist auf 50 Millionen zusammengeschnitten worden. Gleichzeitig wurde eine Aufstockung um 250 auf 300 Millionen durch eine freundliche Spende von Vater Staat vorgenommen. Diese Steuergelder und dazu noch ein Spargroschen für die Rücklagen werden von Bonn in vier Jahresraten gezahlt. Die erste von 75 Millionen ist bereits in den Kassen von Salzgitter.

Auf vier Jahre soll sich auch die Sanierungsperiode belaufen. Die Verluste, die im Vorjahre einen Rekordstand erreichten, sind für das Berichtsjahr 1966/67 zwar erkennbar gefallen, stellen aber immer noch einen Rekord im Vergleich zu anderen Unternehmen der Branche dar. Die begonnene Deeskalation der Verluste ist vorausgeplant: im laufenden Jahr noch über 100 Millionen, dann vielleicht eine Halbierung und im vierten Jahr vielleicht nur noch ein geringer Rest. Vielleicht; nämlich dann, wenn auch in organisatorischer und unternehmerischer Hinsicht die angestrebte Generalbereinigung gelingt.

Es kommt darauf an, wie der erst seit Anfang 1968 als Vorstandsvorsitzender fungierende Hans Birnbaum, ehemals Ministerialdirigent im Bundesfinanz- und -schatzministerium, richtig erkannt hat, für die einzelnen Konzernglieder geeignete und potente Partner für eine enge Zusammenarbeit zu finden. Der Anfang ist auch damit schon bei den Werften und den Berliner Verarbeitungsbetrieben gemacht. Zur Zeit sind in erster Linie die Lastwagen- und Omnibusfabrik Büssing, die sich als ungeratene Adoptivtochter erwiesen hat und über die Hälfte des Konzernverlustes verursacht, und die expansionssüchtige Hütte auf dem Unternehmensheiratsmarkt. Birnbaum und Büssing-Chef Hennies hoffen für die Lastwagenfabrik auf eine Kooperation mit der zum Gutehoffnungshütte-Konzern gehörenden MAN. Es mag sein, daß die Verbindung bereits in diesen Wochen bekanntgegeben wird. Salzgitter befindet sich in vertraulichen Gesprächen mit Klöckner und der Ilseder Hütte. Möglich, daß alle drei Stahlproduzenten zu einer Nord-Hütte vereinigt werden, an der dann der Bund mit einem Schachtelpaket oder etwas mehr beteiligt sein könnte. Bei der Erz- und bei der Mineralöl- und Erdgas-Tochter sind ähnliche Überlegungen im Spiel, ganz zu schweigen von den beiden konzerneigenen Kohlegesellschaften, die auf die große Einheitsgesellschaft an der Ruhr hoffen.

Der Salzgitter-Konzern häutet sich auf diese Weise immer mehr zu einer Holding-Gesellschaft, die nach der „Generalbereinigung“ dann im wesentlichen nur noch ihre, hoffentlich ertragreichen Beteiligungen verwaltet. Die nächsten Jahre sind aber trotz der konjunkturellen Bergfahrt für das seit Jahren falsch strukturierte und früher auch falsch geleitete Unternehmen noch hart. hd.