Nikolaus Ehlert: „Große Grusinische Nr. 17“; Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main; 360 Seiten, 22,– DM

Der Buchtitel erscheint gut gewählt. Wie Wilhelmstraße ohne Hausnummer für die deutsche Reichspolitik steht, Sängerbrücke für die Zeit unserer Reichsvertretung in Petersburg, so die Hausnummer der Bundesbotschaft in Moskau für die in ihr ausgeübte Tätigkeit der Bonner Außenvertreter. Sie beginnt 1956 mit der Aufnahme der Beziehungen zu Sowjetrußland nach dem Besuch Adenauers in Moskau.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter ging der damals 34jährige Berliner freie Journalist und Sprachlehrer Nikolaus Ehlert an die wiedergegründete Deutsche Botschaft in Moskau. Was er bis 1963 dort im Bundesdienst erlebte und wie er es verstand, unterbreitet er uns in diesem Buch.

Ehlert gehörte zu der ersten unter Dr. Haas entsandten Besetzung dieser Vertretung, amtlich bezeichnet als „Botschaft der Bundesrepublik Deutschland“ (hierüber gab es eine große, politisch nicht unwichtige philologische Auseinandersetzung). Der junge Slawist begegnete Mütterchen Rußland und sowjetischen Verhältnissen anscheinend zum erstenmal. Wohl auf Grund dieser ihn überraschenden und deshalb besonders berührenden Erfahrungen fällt das Bild, das er von der Sowjetunion zeichnet, äußerst dunkel aus. Ihre Bürokratie, die sie taktisch einzusetzen wußte, mußte ihn aufbringen, aber er bedachte dabei nicht, daß es sich, abgesehen von den von ihm erkannten Minderwertigkeitskomplexen auf der Gegenseite, um die Abwehr von Entwicklungen handelte, die auch unter der Flagge der Demokratie anzutreffen sind.

Ehlert ist mit seinen nicht unbegründet harten Urteilen dem Gastlande, wenn man die Sowjetunion als solches bezeichnen will, nicht immer gerecht geworden. Er schildert uns nicht nur das ständige Parteimißtrauen, das seiner Sache und Person entgegengebracht wurde, sondern stellt auch das russische Volk allgemein als stumpf und humorlos hin. Dabei hat er selbst doch immerhin im Lauf der Jahre eine Reihe guter Erfahrungen gemacht, etwa diese Antworten auf einen Fragebogen: „Sind Sie jemals von der Generallinie der Partei abgewichen?“ „Jawohl, aber immer nur mit der Generallinie.“ „Und glauben Sie an Gott?“ „Im Dienste nein, zu Hause ja.“

Die erwünschte Rolle als Statist auf der Weltbühne hat Ehlert, meist „in der Garderobe abgestellt“, zu seinem augenscheinlichen Bedauern kaum spielen können. Dem Botschafter Kroll hat er in vier Jahren nur bei zwei etwas bedeutenderen seiner sechs Begegnungen mit Chruschtschow assistieren dürfen. Von allen drei Botschaffern bis 1963 – Haas, Kroll, Groepper – weiß er nur wenig Erfolgreiches zu berichten. Um so ausführlicher – man fühlt sich beinahe bewogen zu sagen, deshalb – geht Ehlert auf die Probleme ein, die er größtenteils persönlich mit den Sowjetrussen behandelt hat, wie etwa die Zurückführung der deutschen Staatsangehörigen, der Repatrianten (sollte es nicht besser heißer Repatrianden?). Außenpolitisch vertrat Ehlert die Adenauer-Dulles-Politik der Stärke; er teilte deren Auffassung, daß Härte und Konsequenz die einzigen Mittel seien, der russischen Sturheit und Verständnislosigkeit zu begegnen.

Ehlert weist eingehend Krolls Darstellungen und Vorschläge zurück. Er glaubt nicht an die Ehrlichkeit der russischen Vorschläge, insbesondere sieht er in den Friedensvertragsentwürfen nur taktische Mittel, um Bonn einer russischen Lösung zugänglich zu machen. Die Erfolglosigkeit der Bonner Gegenposition sieht er zwar, sucht aber nicht deren etwaige Gründe.