An der Börse hat es keine neue „Berlin-Krise“ gegeben. Schon einen Tag nach der Ankündigung von Ulbrichts neuen Schikanen im Berlin-Verkehr hat die Börse den Äußerungen besorgter Politiker, die von der ernstesten Bedrohung Berlins seit dem Bau der Mauer sprachen, keine Beachtung mehr geschenkt. Das wäre gewiß nicht der Fall gewesen, wenn die ausländischen Besitzer deutscher Aktien, die auf politische Ereignisse empfindlich zu reagieren pflegen, nicht so eisern an ihren deutschen Papieren festgehalten hätten. Die Börse hat also davon profitiert, daß im Ausland vielfach andere Auffassungen über das Verhältnis Bundesrepublik-Ostzone herrschen.

Die Auslandsnachfrage nach deutschen Aktien war aber in der letzten Woche geringer als an den Tagen nach Pfingsten. Deshalb ging es nach einer anfänglichen Konsolidierungspause auch nicht mehr so steil bergauf mit den Kursen. Doch die international bekannten deutschen Wachstumswerte wie AEG, Siemens, Hoechst und Bayer, die neue Höchstkurse erzielten, blieben die Favoriten der deutschen Börse. Immer deutlicher ist zu erkennen, daß sie den zyklischen Werten, die auf konjunkturelle Schwankungen stärker ansprechen, vorgezogen werden.

Das hat einen Grund. Von den Wachstumswerten nimmt man an, daß sie auch noch von dem für 1969 erwarteten konjunkturellen Aufschwung profitieren werden; mit anderen Worten, daß die Erträge der Unternehmen auch im nächsten Jahr noch steigen werden. Diese Hoffnungen nimmt die Börse in den Aktienkursen bereits jetzt vorweg. Währungspolitische Überlegungen, die diese Rechnung möglicherweise durchkreuzen könnten, werden nur vereinzelt angestellt.

Die zyklischen Werte, in denen sich konjunkturelle Veränderungen, wie zum Beispiel im nächsten Jahr möglicherweise ein Abflauen der Hochkonjunktur, am ehesten niederzuschlagen pflegen, werden von den Analytikern zur langfristigen Anlage nicht mehr empfohlen, obwohl einige Werte kurzfristig durchaus noch reelle und größere Kurschancen haben dürften. An der Börse ist man der Meinung, daß die kräftigen Gewinnsteigerungen bei Konzernen wie Thyssen, Hoesch und Mannesmann noch nicht in den derzeitigen Kursen vorweggenommen sind.

Am Rentenmarkt beherrschen die DM-Anleihen ausländischer Emittenten nach wie vor das Feld. Obwohl der Markt von solchen Emmissionen überschwemmt wird, gibt es keinen Grund, über einen schlechten Absatz zu klagen. Doch ist die Nachfrage jetzt bei weitem nicht mehr so drängend wie vor einigen Wochen, als die Anleihen schon bei ihrer Ankündigung zu 1 bis 2 Prozent über ihrem Emissionskurs gesucht wurden. Eine gewisse Sättigung des Marktes ist also schon zu beobachten. Auch deutsche Anleihen finden rasch ihre Käufer. Der neuen Bundesanleihe wird eine zügige Placierung vorausgesagt. Daß das Börsengeschäft in älteren Anleihen bei der Flut von neuen Emissionen ruhiger verläuft, ist kein Wunder. P. W.