Unser Kritiker sah:

DER DRITTE RICHARD

Von William Shakespeare

Stuttgarter Staatstheater, Kleines Haus

Peter Palitzschs Stuttgarter „Hauptgeschäft“ (man darf auf die zyklische Inszenierung der Shakespeareschen Königsdramen Goethes Bezeichnung für die Arbeit am „Faust“ wohl anwenden) ist nach zwei ersten Abenden der „Rosenkriege“ bei „Richard III.“ angelangt: ein Glücksfall, was das um eine Zentralfigur arrangierte, von der elisabethanischen Historiographie zum Charakterdrama vorstoßende Stück betrifft; ein Unglück für den Regisseur, weil zwei Tage vor der Stuttgarter Premiere der Tod Jürgen Fehlings die Erinnerung an den 2. März 1937 beschwor, an dem Fehling und sein Szeniker Traugott Müller mit „König Richard III.“ am Berliner Staatstheater eine Shakespeare-Interpretation begründeten, die als Maßstab keinem Nachgeborenen erlassen werden kann.

Peter Palitzsch und sein Dramaturg Jörg Wehmeier salvierten sich mit einer neuen Textfassung. Schon ein flüchtiger Vergleich mit Schlegel rechtfertigt die Stuttgarter Einrichtung: Sie ist theatralisch handlicher und sprachlich klarer. Aber diese „Fassung für eine Inszenierung“ (als Beilage zum Programmheft gedruckt) kann als neue Shakespeare-Übertragung keine allgemeine Bedeutung beanspruchen. Das Premierenpublikum quittierte zwar einen Satz wie diesen hörbar amüsiert: „Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Esprit.“ Dann aber häuften sich Modernismen wie Eierköpfe, Massenmörder, Sippenhaft. Und wieder schmunzelte man im Parkett, als Lord Stanley dem Grafen Richmond die Krone aufsetzte: „Trage sie, genieße sie und mach was draus.“ Ein banaler Witz über das Symbol der Macht. Fehling hetzte einen Diktator zu Tode und feierte die Befreiung der Krone von einem Verbrecher mit einem Tedeum.

Verglichen mit den ersten Stuttgarter „Rosenkrieg“-Abenden ersetzte der Bühnenbildner Wilfried Minks sein Schema von Bildschlitzen, in denen historische Situationen der Macht sichtbar geworden waren, jetzt durch einen Raum, der alle Stationen des Richard-Dramas umfaßte. Dazu engagierte Palitzsch einen auf deutschen Theatern selten gewordenen Gast für die Titelrolle: Hans-Christian Blech.