Von Willi Bongard

Einhundertvierzigtausend, einhundertvierzigtausend, zum ersten, zum zweiten. Wer bietet mehr?“

Die „Unglückliche Nelly“ (das unsignierte und nicht datierte, aber durchaus charakteristische 64 × 49 Zentimeter große Pastell der einst an der Pariser Grand Opera gefeierten Ballerina Nelly Franklin von Edgar Degas) blickte mit ihren braunen Augen melancholisch auf das Auktionspublikum in der Münchner Stuck-Villa. Wolf gang Ketterer, der hier am 17, Mai mit seiner Auktion moderner Kunst sein Debüt gab, spähte vergebens in die Runde. Es gab niemand, der sich bereit zeigte, mit einem Augenzwinkern oder gar mit erhobener Hand einen höheren Preis für das impressionistische Prunkstück zu bieten.

„Einhundertvierzigtausend zum dritten.“ Der Zuschlag wurde einem Adolph Stein aus Paris erteilt, der sich vermutlich ins Fäustchen lachte, während Wolfgang Ketterer seine Enttäuschung nur mühsam verbergen konnte. Er war von einem – wahrhaftig nicht unrealistischen – Schätzpreis von 250 000 Mark ausgegangen, von dem er hoffen durfte, daß er noch überboten würde. Das gleiche Pastell war nämlich vor vier Jahren bei Sotheby in London schon einmal mit 22 000 Pfund Sterling (246 000 Mark) zugeschlagen – freilich nach dem Tod des Bieters nicht abgenommen worden.

Wolfgang Ketterer war mit seinem Degas-Pastell an eine Schallmauer gestoßen, die zu durchbrechen bisher nur seinem Bruder Roman Norbert Ketterer gelungen war, der sich freilich nach einer Blitzkarriere im deutschen Kunstauktionsgeschäft 1962 nach Campione bei Lugano zurückzog, von wo aus er seither einen Kunstversandhandel betreibt.

Es ist in deutschen Landen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, offenbar immer noch nicht – oder noch nicht wieder – möglich, internationale Spitzenwerte zu adäquaten Preisen unter den Auktionshammer zu bringen. Die „Unglückliche Nelly“ war durchaus nicht die einzige Enttäuschung, die Wolf gang Ketterer bei seiner ersten Auktion moderner Kunst bereitet wurde. Weder gelang es ihm, ein so bedeutendes Werk wie Rouaults „La Seinte face“ (Schätzpreis 160 000), noch so respektable Stücke wie Pissarros „Bildnis der Tochter Jeanne“ (110 000), noch Picassos „Arlequin“ (80 000) an den Mann zu bringen. Insgesamt mußte Ketterer fast ein Drittel des Auktionsangebotes zurücknehmen, und sein Erlös blieb mit 2,4 Millionen Mark hinter dem Gesamtschätzwert von 3,6 Millionen Mark zurück. Daß er sich trotzdem befriedigt zeigte, wird man der im großen und ganzen zügigen Aufnahme des breiten Graphikangebotes in der Preislage bis 10 000 Mark zuschreiben müssen. Es sind erfahrungsgemäß die „kleinen Fische“, die im deutschen Auktionswesen das große Geschäft versprechen.

Über die „Größe“ dieses Geschäfts darf man sich jedoch keine Illusion machen: An internationalen Maßstäben gemessen ist und bleibt der gesamte deutsche Kunstauktionshandel eine Quantité négligeable.