FÜR alle, die sich für die zeitgenössische deutsche Literatur ernsthaft interessieren und die bereit sind, Selbstkommentare von Schriftstellern ebenso wohlwollend wie skeptisch zu lesen –

"Fünfzehn Autoren suchen sich selbst" – Modell und Provokation, herausgegeben von Uwe Schultz; List Taschenbücher 325, List Verlag, München; 174 S., 2,80 DM.

ES ENHÄLT Bekenntnisse und Selbstanalysen von Marie Luise Kaschnitz, Böll, Canetti, Krolow, Lehmann, Lenz, Nossack, Schnurre und anderen.

ES GEFÄLLT mir dieses aus einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks hervorgegangene Buch, weil die den Autoren gestellte Frage nach ihrem Verhältnis zur literarischen Tradition jeweils auf ein einziges Vorbild – und die sich wandelnde Beziehung des Befragten zu ihm – eingeschränkt wurde. "Warum ich nicht wie X schreibe – Y über sein literarisches Vorbild" – lautete die Aufforderung, die sich immer dann als ergiebig erwiesen hat, wenn der Befragte imstande war zu zeigen, in welcher Hinsicht und in welchem Maße er dem großen Vorbild verpflichtet ist und warum er sich andererseits von ihm doch lösen und schließlich entschieden abwenden mußte. Aufschlußreich sind ausnahmslos alle Beiträge dieses Bandes, auch jene, die etwas rasch und leichtsinnig verfaßt sind, weil sie die starken und die schwachen Seiten der Autoren erkennen lassen, die uns in der Hitze des Gefechts mit dem einst bewunderten Meister fast immer etwas mehr mitteilen, als sie wohl verraten wollten. Ich habe viel aus diesem Buch gelernt, am meisten aus den Beiträgen von Elias Canetti ("Warum ich nicht wie Karl Kraus schreibe") und Siegfried Lenz ("Warum ich nicht wie Hemingway schreibe").

Marcel Reich-Ranicki