Von Marianne Kesting

Das Oeuvre von Georges Bataille wird in Deutschland zu einer Zeit veröffentlicht, da politische und sexuelle Revolution in trautem Durcheinander die Öffentlichkeit beschäftigen. Unter diesem Aspekt offenbart es seine Aktualität.

In seinem Werk wie in seiner Biographie huldigte Georges Bataille vielerlei Tendenzen. Er stammt aus einer protestantischen Familie und konvertierte mit sechzehn Jahren zum Katholizismus. Als Bibliothekar an der Nationalbibliothek in Paris rettete er Walter Benjamins „Pariser Passagen“, als Benjamin vor den andringenden deutschen Truppen aus Paris flüchten mußte. Bataille gehörte zeitweilig der surrealistischen Bewegung an; er war Anhänger Nietzsches und de Sades, Mitbegründer des College de Sociologie, verfaßte eine Anzahl soziologischer Essays und gehörte zum Cercle Communiste Democratique. Weiß Gott, wie er das alles in einer Person vereinen konnte. Seine Vorliebe aber gehörte zweifellos dem Ausgefallenen, Außergewöhnlichen, dem Heiligen und dem Bösen, einer gewissen Morbidezza – was ihn aber offensichtlich nicht davon abhielt, sich auch leidenschaftlich für Politik zu interessieren. Sein Frühwerk

Georges Bataille: „Das Blau des Himmels“, aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach und Hans Naumann; Luchterhand Verlag, Neuwied; 180 S., 16,80 DM

das er sich erst nach zweiundzwanzig Jahren entschloß zu edieren, ist eine Art Kreuzpunkt seiner vielseitigen Neigungen. Zwischen den europäischen Metropolen beschäftigungslos herumreisend, exaltiert sich Batailles Ich-Erzähler Henry Troppmann an seiner eigenen Haltlosigkeit, die, vor dem politischen Hintergrund der dreißiger Jahre, sich wie der wahnwitzige Taumel eines isolierten Intellektuellen vor der Apokalypse europäischer Politik ausnimmt. Während sich Troppmann alkoholischen und sexuellen Exzessen hingibt und sich und anderen mit ebenso raffinierten wie überflüssigen Extravaganzen auf die Nerven geht, formiert sich die Umwelt: In Madrid erlebt er die Vorbereitungen zum Bürgerkrieg, in Deutschland die marschierenden Hitlerjungen: „In der Ferne sah ich ... eine Kinderarmee in Schlachtordnung. Sie war zwar reglos, doch in einem Trancezustand. Ich sah sie, nicht weit von mir, von dem Verlangen besessen, in den Tod zu rennen. Verzaubert von grenzenlosen Gefilden, auf denen sie eines Tages lachend im Sonnenschein vorwärtsstürmen würde, hinter sich die Sterbenden und Toten zurücklassend.“

Zwischen den egozentrischen Verrücktheiten Troppmanns und der unheimlichen trancehaften Bewegung, die er beobachtet, besteht eine unterschwellige Korrespondenz, die irrationale Gemeinsamkeit eines Todestaumels, die besonders zum Schluß des Buches erschreckend in Erscheinung tritt. Im Grunde demonstriert der Roman, wie eine ohnmächtige, nur mit sich selber beschäftigte Intelligenzschicht, deren Zugriff die Gesellschaft entglitten ist, sich mit Exzessen betäubt, während sich über ihren Kopf hinweg bedrohliche Kräfte sammeln. Zumindest legt der Roman diese Diagnose nahe. Aber Bataille hatte eine andere Theorie, der zufolge sich Troppmann in diesen elenden Orgien „transzendiert“, sich von der Umwelt „erlöst“ und in einen „anderen Bereich“ emigriert – der aber nurmehr der pervertiert sexuelle ist, da er der religiöse nicht mehr sein kann. Bataille kann sich nicht recht zwischen Politik und Religion entscheiden. Für ihn ist das Sexuelle als das Böse und Blasphemische ein letzter Kontakt mit dem Heiligen, eine verzweifelte Herausforderung des nicht mehr antwortenden Gottes.

Diese These basiert eindeutig auf paulinischchristlicher Tradition. Man muß schon sehr fest daran glauben, daß das Sexuelle die Sünde schlechthin sei, um ebenfalls zu glauben, daß darin eine transzendente Provokation liege. Der exaltierten Geste dieser Herausforderung haftet bereits bei Bataille etwas Theatralisches an. Troppmann posiert; er sucht seine Delirien in einem seelischen Exhibitionismus; seine Bosheit und Geilheit bedarf, da Gott sich nicht dafür zu interessieren scheint, der Adressaten und Zuschauer, sie braucht zumindest irdisches Publikum. Da aber auch die Umwelt sich diesem exzessiven Treiben gegenüber gleichgültig verhält, gerät Troppmann in eine Art permanenter Hysterie. In jedem Kapitel wird nicht nur ausgiebig gerülpst, gekotzt und sonstiges, sondern auch, hemmungslos und viel geweint. Kurzum, es ist ein schwer erträgliches, aber symptomatisches und darum bedenkenswertes Buch, dessen Publikation auch nach vielen Jahren gerechtfertigt ist, weil weder die sozialen und politischen Symptome, noch die Reaktionen einer bestimmten Intelligenz sich wesentlich geändert haben.