Von Gert Kreyssig

Die Seilprüfung vergißt der Bergführer Walter nie. Vor allem nicht bei den Mädchen. Seine kräftige Hand fährt am Blusenausschnitt entlang und ergreift den Seilknoten, der laut Lehrbuch „auf der Brust“ getragen wird und so sein soll, daß man keine Atembeschwerden bekommt. Dann steigt die erste Seilschaft, mit Steinschlaghelmen ausgerüstet wie ganz zünftige Kletterfans, in die Nordwand des Matterhorns (in Anführungsstrichen) ein. Anweisungen ertönen. „Madl, mach mit dem linken Haxerl an Spreizschritt!“ Und Seilkommandos. „Stand gesichert – nachkommen!“ Stöhnend werkelt am Überhang in der Westwand ein Bundesbahnbeamter aus Freiburg, und am Ostgrat sucht eine Sekretärin aus Kassel festen Griff und Tritt.

Ein acht Meter hoher Steinkoloß, der im Überschwang Matterhorn genannt wird, dient als Übungsfelsen der „Bergsteigerschule Karawanken“. Die zunehmende Lust des Ferienvolkes, unter fachkundiger Anleitung in den Bergen herumzukraxeln, hat in jüngster Zeit vor allem in Österreich, aber auch in der Schweiz und im Süden Deutschlands zur Gründung von mehr als einem Dutzend solcher „Schulen“ geführt. Die Karawanken-Schule in Kärnten ist in 1288 Meter Höhe stationiert, im Koschutahaus, zu erreichen in einstündigem Aufstieg von der letzten Postbusstation (Zell/Pfarre). Doch die meisten Alpenschüler scheuen weder zehn Schilling Maut noch faustgroße Steine und fahren auf steilem Bergweg mit dem Auto bis vor die Hütte.

„Jeder kann zu uns kommen, er muß eigentlich bloß Gesundheit, Liebe zur Sache und feste Bergschuhe mitbringen“, sagt Schulleiter Erich Spieß, ein bulliger Alpinist mit schwarzem Bart – er wächst und wächst, weil es auf der Hütte keinen Anschluß für den elektrischen Rasierapparat gibt – und roten Strümpfen zur Bundhose. Ein Gebirgler wie aus dem Bilderbuch. Er beklagt, daß so viele Touristen, mit des Autos oder der Seilbahn Hilfe, völlig unerfahren in die hehre, aber eben auch gefährliche Bergwelt eindringen und daß die alpine Unfallstatistik immer höher klettert. Mit seinen Worten: „In die Berg krain jetz’ manchmal Leut’ umanand, daß es ganz furchtbar is’.“

Anfänger lernen deshalb erst einmal, trittsicher zu werden, Fortgeschrittene dürfen nach dem Training an den Übungsfelsen richtige Klettertouren machen. Aber auch Rucksackpacken und Erste Hilfe stehen auf dem Lehrplan. Der Wochenkurs kostet einschließlich Unterkunft (die Hütte hat 36 Betten und 30 Matratzenlager) und Verpflegung 135 Mark.

Kann man Bergsteigen überhaupt lernen? „Streng genommen kann man es nicht lernen, wenn man keine Begabung dafür besitzt“, meinte Hermann Buhl, der nach zwei Achttausenderbesteigungen im Himalaja tödlich abgestürzt ist. „Lernen kann man nur das, worauf es beim Bergsteigen ankommt.“ Mancher Halbschuhtourist lächelt, wenn er im Lehrplan einer Alpinschule liest: Gehen am Berg, auf Geröllhalden und in leichtem Fels.“ Die Fachleute sagen ihm, daß man „am Berg“ eben anders geht. Zum Beispiel nach dem italienischen Sprichwort „Wer langsam geht, geht gut, wer gut geht, kommt weit.“ Und wer zum erstenmal bei einer Gletschertour Steigeisen an den Füßen hat, kommt in den Genuß eines völlig neuen Gehgefühls, das an den schweren Trott eines Elefanten erinnert.

Wenn vom „Strick“ die Rede ist, meint der Bergfex das Seil, das heutzutage vorwiegend aus Nylon ist. Und wer vom Strick spricht, katalogisiert die Touren auch nach Zahlen. „Ja, die Südwand, das ist ein Vierer mit einer Fünferstelle.“ Soll heißen: Das sind Schwierigkeitsgrade; denn längst sind auch die Fels- und Eiswände der Alpen ziemlich genau nach festgelegter Rangordnung eingestuft.