ZEIT: Herr Professor Priebe, in dem neuen mittelfristigen Agrarprogramm von Bundesernährungsminister Höcherl sind zahlreiche Maßnahmen vorgesehen, die zum Ziel haben, den Zu- und Nebenerwerbslandwirten die Aufgabe ihres Betriebes und die Umstellung auf einen anderen Beruf zu erleichtern. Ist es sinnvoll, diese kleinen und kleinsten Bauern, die gewöhnlich auch als wirtschaftlich schwach dargestellt werden (auf die sich die Agrarpolitik aber angeblich ausrichtet) – etwas hart gesagt – aus dem Produktionsprozeß und aus der Landwirtschaft herauszudrücken?

Priebe: Zunächst möchte ich betonen, daß ich die Äußerungen zur Strukturpolitik grundsätzlich begrüße. Hier wird die Lage nicht mehr beschönigt sondern gesagt, daß es unter ungünstigen strukturellen Voraussetzungen nicht möglich ist, befriedigende Einkommen zu erreichen und daß dabei auch die Preispolitik ihre Grenzen hat.

Ich halte es auch für gut, daß die Regierung deutlich sagt, daß nicht alle, die heute in der Landwirtschaft tätig sind, auf die Dauer ein industriegleiches Einkommen erreichen können. Das gleiche haben wir im Professorengutachten schon vor sechs Jahren gesagt. Damals stieß diese Erkenntnis leider auf heftigsten Widerspruch.

Schließlich bin ich erfreut über die betonte Feststellung, daß die Bevölkerung in vielen ländlichen Regionen nur über eine gesamtwirtschaftliche Erschließung an der Entwicklung beteiligt werden kann.

ZEIT: Sind alle Einzelmaßnahmen auf diese Erkenntnisse abgestellt?

Priebe: Wenn wir der Verödung vieler Gebiete entgegenwirken und die Kulturlandschaft erhalten wollen, ist das ausschließlich über die hauptberufliche Landwirtschaft nicht möglich. Vollerwerbsbetriebe mit industriegleichem Einkommen sind nicht überall zu schaffen oder erfordern zu hohe Kapitalaufwendungen. Das wird wohl gesagt und es kann nicht deutlich genug betont werden. Wir müssen uns daher zwangsläufig mit der Zukunft der Zu- und Nebenerwerbsbetriebe beschäftigen. Mit erfreulicher Offenheit wird betont, daß ein zunehmender Anteil landwirtschaftlichen Betriebe nur in Verbindung mit einem außerlandwirtschaftlichen Neben- oder Haupterwerb den Familien eine befriedigende Existenz bieten kann. Allerdings fragt sich, ob alle in dem Programm vorgesehenen Maßnahmen dem entsprechen. Der neue Vorschlag, die Zahlung von Bewirtschaftungsprämien in den von der Natur benachteiligten Gebieten, erscheint mir sehr beachtenswert.

Gerade in den Fremdenverkehrsgebieten unserer Gebirge oder in Landschaften, die als Wasserreservoire für die Allgemeinheit Bedeutung haben, würde durch einen relativ kleinen Aufwand von Mitteln wahrscheinlich viel für die Erhaltung der Landschaft erreicht werden können. Die übrigen Maßnahmen des Programms sind aber meines Erachtens doch zu stark auf die Vollerwerbsbetriebe ausgerichtet. Wo soll das hinführen? Nach der Statistik gibt es nur rund 140 000 Betriebe über 20 Hektar Nutzfläche, und ...