Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), richtete heftige Vorwürfe gegen die Resolution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, Rhodesien nicht an den Olympischen Spielen in Mexiko teilnehmen zu lassen. Rhodesiens NOK war vom Organisationskomitee eingeladen worden und wollte mit einer „gemischtrassigen“ Mannschaft aus Weißen und Negern in Mexico City antreten. In England widerstand die britische Nationalmannschaft im Rugby dem Druck der Regierung Wilson und reiste nach Rhodesien und Südafrika, während der berühmte Marylebone Cricket Club (MCC) sich fügte.

Die Prognose, die kürzlich in der ZEIT gestellt worden ist, daß der Boykottbeschluß von Lausanne, Südafrikaner nicht zu den kommenden Olympischen Spielen zuzulassen, Schule machen wird, findet anscheinend ihren Widerspruch in der Reise der „Löwen“ nach Südafrika und Rhodesien. Man muß eigentlich dieses „anscheinend“ betonen, denn es läßt sich im Augenblick nur mutmaßen, was sich nach der Rückkehr der „Löwen“ in England abspielen könnte.

Diese „Löwen“ ist die britische Nationalmannschaft im Rugby, die turnusmäßig Wettspiele in Südafrika gegen die „Springboks“, wahrscheinlich gegenwärtig die besten Rugbyspieler der Welt, gegen Australien, die Neuseeländer und die starken Männer von den Fidschiinseln absolviert. Diese Expedition einer repräsentativen Ländermannschaft nach Südafrika und dem „aufständischen“ Rhodesien hat in England eine scharfe Kontroverse entfacht, die ausschließlich mit politischen Argumenten geführt wird. Genauso wie einer prominenten Cricket-Mannschaft im vergangenen Jahr ist auch den Rugby-Behörden inoffiziell von Regierungsseite geraten worden, angesichts der politischen Lage diese geplante Reise nicht zu unternehmen. Während die Cricket-Mannschaft ihre Reise absagte, stellten sich die Rugbyspieler auf den Standpunkt, daß „die westliche Welt angeblich frei sei und daß deswegen die Südafrikaner berechtigt seien, ihre eigenen Meinungen zu haben. Unsere Instruktion lautet, Rugby zu spielen, aber nicht zu Rassenvorurteilen Stellung zu nehmen“. Als die südafrikanische Botschaft der Mannschaft eine Cocktailparty zum Abschied gab, demonstrierten Anti-Apartheid-Bannerträger vor dem Südafrika-Haus am Trafalgar Square.

Kaum war die Mannschaft abgereist, setzte die Pressekampagne ein. Die „Sunday Times“ schrieb, daß „die British-Lions Vertreter des britischen Rugbys und der britischen Heuchelei wären“. In einem groß aufgemachten Artikel klagte dieses wichtige Sonntagsblatt von Lord Thompson die Rugby-Behörden an, das Commonwealth-Ministerium, das Parlament und einen starken Sektor der öffentlichen Meinung bewußt mit Verachtung behandelt zu haben. „Indem sie diese Reise unternehmen, machen sich die ‚Lions‘ über den britischen Anspruch vor der ganzen Welt lustig, eine nichtrassische Gesellschaftsstruktur vorzustellen und zu verteidigen. Diese Mannschaft trägt dazu bei, unser bereits sehr abgewertetes Ansehen im restlichen Afrika weiter sinken zu lassen.“

Apartheid wird jedoch in England nicht nur als eine politische Ideologie betrachtet, sondern in weiten Kreisen auch als eine Gewissensangelegenheit. Andererseits gibt es ja in Großbritannien auch die gegenteilige Meinung, die sich bemüht, weiter eine politische Rolle auf der Welt zu spielen, selbst wenn die Voraussetzungen dazu verlorengegangen sind. Zu ihren Vertretern gehörte der Vorsitzende des Rugbyverbandes, der bereits im Winter öffentlich erklärt hatte, „nichts als der Ausbruch von Krieg würde seine Mannschaft daran hindern, in Rhodesien Wettkämpfe auszutragen“. Diese Erklärung kam vier Monate nach einer Sportreise eines Rugbyklubs aus Cardiff nach Südafrika. Sie fuhren als Ersatz, da die Nationalmannschaft von Neuseeland den traditionellen Länderkampf absagen mußte, weil Südafrika in der Mannschaft der „All Blacks“ keine Maoris dulden wollte.

Die Reise der „Löwen“ unterstreicht erneut zwei Probleme. Das erste betrifft natürlich Sport und Apartheid. Da die Wettspiele der britischen Vertretung vor einem entweder völlig weißen oder segregierten Publikum ausgetragen werden, so unterstützt diese Tatsache eine Politik, die angeblich „in den Nasen aller Briten stinkt“. Hier liegt der Grund, warum es die britische Regierung abgelehnt hat, Sportreisen nach Südafrika finanzielle Beihilfe zu leisten. Und nun wird auch Rhodesien Apartheid im Sport einführen. Das zweite Problem dreht sich um den Wunsch des Ministers für Commonwealthangelegenheiten, daß keineswegs „Beistand und Trost einem illegalen Regime gewährt werden dürfte“. Die „Löwen“ haben dem Sportminister Denis Howell nur die Versicherung gegeben, in Rhodesien keine amtliche Gastfreundlichkeit entgegenzunehmen und sich nicht für Zwecke hinzugeben, die die Regierung Smith propagandistisch ausnutzen könnte.

Die „Sunday Times“ habe den Rugby-Behörden vorgehalten, daß „die Freiheit, die sie genießen, ihre eigenen Entschlüsse zu fassen, die Verpflichtung in sich trage, verantwortlich zu handeln“. Kaum hatten die „Lions“ die ersten Spiele in Südafrika absolviert, als der Sportminister Denis Howell eine Deputation von Abgeordneten empfing und ihnen zusicherte, daß er demnächst die amtliche Haltung im Kampf gegen die Rassenvorurteile im Sport öffentlich revidieren werde und öffentliche Beihilfen nur in Verbindung mit einer ausgesprochen antirassistischen Politik gewähren würde.