Der große Schwung auf dem deutschen Rentenmarkt erlahmt. Das Rekordergebnis des vergangenen Jahres, in dem für fast 20 Milliarden Mark festverzinsliche Wertpapiere verkauft wurden, wurde von Januar bis April dieses Jahres monatlich um durchschnittlich 750 Millionen Mark übertroffen. Im Monat Mai, für den bisher die letzten statistischen Zahlen vorliegen, überstieg der Absatz von Anleihen, Pfandbriefen und Kommunalobligationen das Verkaufsergebnis des gleichen Vorjahresmonats nur noch um 70 Millionen Mark. Insgesamt wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres mit knapp elf Milliarden Mark für rund drei Milliarden Mark mehr festverzinsliche Papiere verkauft als 1967.

Jetzt berichten übereinstimmend auch die Banken, daß der Absatz von Rentenwerten zähflüssiger geworden ist. Und das bedeutet für viele Banken eine Enttäuschung. Denn vor der Tür steht der große Zinstermin vom 1. Juli, an dem schätzungsweise mehr als 1,5 Milliarden Mark aus Zinsgutschriften auf die Konten der Wertpapierbesitzer fließen. Erfahrungsgemäß hatte dieser Termin in den vergangenen Jahren regelmäßig einen großen Nachfragestoß am Rentenmarkt ausgelöst. In sicherer Erwartung, daß auch dieses Jahr nicht von der Regel abweichen würde, haben manche Banken vorgekauft, einmal natürlich, um ihre Kundschaft bedienen zu können, zum anderen aber wohl auch in der Hoffnung, daß angesichts der bisherigen hohen Nachfrage ein Kursgewinn für sie herausschauen könnte. Bisher aber ist dieser Nachfragestoß ausgeblieben. In früheren Jahren gingen die Anlageorders bereits in den letzten Junitagen bei den Banken ein.

Für diese Enttäuschung gibt es mehrere Gründe. Einmal hat die wieder schneller laufende Konjunktur den Kreditbedarf der Wirtschaft kräftig erhöht. Manche Mittel, die in den vergangenen Monaten Anlage in festverzinslichen Wertpapieren suchten, fließen jetzt als Kredit in die Unternehmen.

Zum zweiten aber übersteigt zum erstenmal seit dem Kriege das Zinsniveau im Ausland das deutsche. Bislang konnte die Deutsche Bundesbank in Zeiten nachlassender Konjunktur ihre Zinssenkungsmaßnahmen immer nach dem Ausland ausrichten, weil höhere Zinsen im Ausland den Abfluß von deutschem Kapital bewirken und damit jedenfalls nicht die inländische Kunjunktur befruchtet hätten. Selbst in den USA ist das Zinsniveau inzwischen auf eine Höhe gestiegen, die bei Anleihen eine Rendite von etwa 6,8 Prozent bringt, während der Ertrag in der Bundesrepublik auf etwa 6,6 bis 6,7 Prozent gesunken ist.

Auch am Eurodollar-Markt hat das Zinsniveau einen kräftigen Sprung nach oben gemacht. Perle dieses Marktes war die Anleihe der Mitsubishi Heavy Industries in Japan, die bei einer nur fünfjährigen Laufzeit und einem Ausgabekurs von 98 Prozent mit 7 3/4 Prozent verzinst wurde. Ihre Rendite betrug etwa 8,2 Prozent. Und die letzte Oslo-Anleihe auf dem Eurodollar-Markt erbrachte bei einem Zinssatz von 7 1/4 Prozent auch noch eine Rendite von 7 3/4 Prozent. Es liegt auf der Hand, daß viele – vor allem größere Anleger – die besser rentierliche Anlage auf diesen Märkten bevorzugen.

Schließlich locken auch noch zahlreiche Dollar-Wandelenleihen den Käufer. In diesen Tagen wurden allein drei amerikanische Anleihen dieser Art angeboten oder angekündigt. Es sind die Motorola (Fernmeldewesen und Fernsehen) Texaco (Erdöl) und Reynolds Metall (Aluminium). Ihre Anleihen lauten über zusammen 155 Millionen Dollar, also 620 Millionen Mark. Sie sind zwar mit einer Verzinsung von 4 3/4 bis 5 3/4 Prozent weniger attraktiv als andere Anleihen. Da das Aufgeld aber bei der Umwandlung in Aktien nur fünf bis zehn Prozent beträgt, werden ihnen gute Wachstumschancen zugesprochen. Sie bieten sich außerdem angesichts der ungewissen weiteren Entwicklung in den USA nach der Steuererhöhung und dem kräftigen Kaufkraftschwund für alle diejenigen an, die in Sachwerte flüchten wollen. Denn das Kursrisiko der Wandelanleihen ist nach unten beschränkt, während bei einer Aufwärtsentwicklung der amerikanischen Börsenkurse alle Chancen beim Käufer liegen. Nun ist eine derartige Spekulation sicher nicht jedermanns Sache, aber es besteht kein Zweifel, daß hier dem Rentenmarkt namhafte Beträge verlorengehen.

Und schließlich wäre als letzter Grund die augenblickliche Bevorzugung der Aktie zu nennen, die nach den Kursgewinnen der letzten Monate zweifellos im Vordergrund des Börsengeschehens gestanden hat. Angesichts der wiederbelebten Konjunktur wird sich daran in der nächsten Zeit auch kaum etwas ändern.