Der Aufstand der Cinéasten

Von Werner Kließ

Wie auch die französische Mairevolution enden wird: die Cinéasten werden vom revolutionären Elan profitiert haben. Was in den letzten Wochen in Frankreich unter den Filmern erarbeitet, diskutiert, beschlossen worden ist, kann nicht in die Schubladen der Bürokratie verschwinden. Gegen den Widerstand der Mehrheit aller im Film Beschäftigten – Regisseure, Autoren, Techniker, Schauspieler – wird keine Regierung auf die Dauer Kulturpolitik machen können. Die Konzepte gehen von kleinen Reformen bis zu wahrhaft revolutionären Visionen; von Verbesserungen, die auf anderen kulturellen Gebieten längst selbstverständlich sind, bis zu romantischen Utopien.

Während die Studenten das Odeon besetzten, schlossen sich Filmstudenten am 15. Mai in ihrer Schule in der Rue de Vaugirard zusammen, sie stellten das Gebäude den Filmern zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft wurden die "Generalstände" (Etats generaux) des französischen Films gegründet, die Generalversammlung aller im Film Beschäftigten. In beinahe permanenter Sitzung arbeiten die Cinéasten an Konzepten zur Neuordnung des französischen Films. Was bisher erreicht wurde, erscheint französischen Kommentatoren mager, es macht aber zweifellos, wenn es Wirklichkeit wird, Frankreich zum filmpolitisch fortschrittlichsten Land.

Die Generalstände repräsentieren eine Form der direkten Demokratie. Jeder Vorschlag wird diskutiert, jeder kann reden. Und es wird ausgiebig Gebrauch davon gemacht. Die erste "außerordentliche Generalversammlung", die im Kulturzentrum von Suresnes stattfand, begann am 26. Mai um 20 Uhr und endete am nächsten Morgen um 6 Uhr, die zweite begann um 14 Uhr und endete um 4 Uhr nachts.

Die dritte "außerordentliche Generalversammlung" hat ein Programm erarbeitet, das in einer weiteren Versammlung diskutiert wird. Es enthält im wesentlichen folgende Forderungen: Abschaffung aller Monopole in der Filmwirtschaft; Einziehung der Gelder durch ein nationales Organ direkt an der Kinokasse; Zusammenarbeit zwischen Film und Fernsehen, Selbstverwaltung des Fernsehens; Schaffung von "Produktionseinheiten" unter der demokratischen Aufsicht der Generalstände; Abschaffung der Zensur.

In den Vorschlägen lassen sich drei Tendenzen erkennen:

1. Einführung des Tantiemensystems für den Film. Eine gewiß nicht revolutionäre Forderung, die lediglich die Abschaffung des frühkapitalistischen Produzentensystems will. Beteiligung am Erfolg (und auch am Mißerfolg) der Arbeit wird beim Film nur sehr populären Stars und Regisseuren mit außergewöhnlichem Prestige gewährt. Filme, so lautet jetzt die Formel, sollen nicht den Produzenten gehören, sondern denen, die sie machen.

Der Aufstand der Cinéasten

2. Die zweite Tendenz ist der Protest gegen de Gaulles dirigistische Kulturpolitik, deren Symbol für den Film das Centre National du Cinéma (CNC) ist. Diese Stelle hat vielfältige Kontrollfunktionen durch Vergabe von "Berufskarten", Verteilung von Subventionen und Krediten, Beaufsichtigung der Festivals. Praktisch kann niemand in Frankreich beim Film arbeiten, kann niemand eine Produktion starten, ohne von verschiedenen "Genehmigungen" des CNC abhängig zu sein. Der Zorn der Cineasten richtet sich gegen den Dirigismus dieser Institution beinahe noch heftiger als gegen die Zensur, deren Abschaffung selbstverständlich und ohne viel Begründung gefordert wird.

3. Die dritte Tendenz geht auf die Schaffung eines öffentlichen Kinos als Ergänzung zum privaten (mit dem Wunsch, das private allmählich ganz zu ersetzen). Diese Tendenz, die einzig wirklich revolutionäre, ist auch die am heftigsten umstrittene. Es wird die Gründung von selbständi gen Produktionseinheiten vorgeschlagen. Sie sollen in Kollektivarbeit Filme von der Planung bis zur Fertigstellung frei von "Gesetzen des kapitalistischen Profits" herstellen; die Verantwortlichen sollen von den Generalständen gewählt werden. Parallel dazu sollen ein "öffentliches" Vertriebssystem gegründet werden sowie öffentliche – das heißt: vom Profitstreben unabhängige – Kinos. Dieser Vorschlag, von einer Gruppe von Regisseuren und Autoren um Louis Malle erarbeitet, fand in der Generalversammlung die größte Mehrheit.

So faszinierend das Konzept der kollektiven Filmherstellung ist, so groß die Mehrheit sein mag, so heftig sind die Widerstände. Die Filmer versuchen für ihr Gebiet eine Sozialisierung, die auf die Dauer nur von einer sozialistischen Gesellschaft toleriert werden kann.

Daß es zu dieser beispiellosen Solidarität kam, haben die Filmer Umständen zu verdanken, die weit vor der jetzigen Krise auftauchten. Im Februar wurde der Generalsekretär der Cinemathèque Française, Henri Langlois, seines Postens enthoben. Er habe, wurde ihm vorgeworfen, sein Amt nicht mit der nötigen Sorgfalt geführt, habe die Lager nicht in Ordnung gehalten und sich geweigert, Finanzen und Bestände einer behördlichen Kontrolle zu unterwerfen.

Was die Pariser Bürokraten sich als eine sang- und klänglose Ablösung eines Museumsdirektors vorgestellt haben mochten, wuchs sich zu einem kulturpolitischen Skandal ohnegleichen aus.

Henri Langlois hat seine Cinemathek zunächst als Privatunternehmen geführt, er hat unzählige Filme vor der Vernichtung bewahrt; sein Museum ist fraglos das führende der Welt; die Regisseure der "Neuen Welle" erkennen ihn als einen ihrer geistigen Väter an. In den Vorführungen der Cinemathek, und nicht auf den Filmschulen, hat sich das Bewußtsein der heutigen Filmgeneration Frankreichs gebildet. Wer unter französischen Cinéasten mitreden will, muß eine gewisse Anzahl von Jahren im "Freudenhaus der Filmfans", wie Volker Schlöndorff es nennt, zugebracht haben.

Der Vorwurf, Langlois habe nicht ordentlich planen können, ist kurios, wenn man bedenkt, daß zuletzt in zwei Sälen täglich sechs bis acht Filme vorgeführt’ wurden, vierzig in der Woche, rund zweitausend im Jahr.

Der Aufstand der Cinéasten

Freilich, der genialische Langlois war nicht bereit, die Ordnung als Selbstzweck anzuerkennen. Schon 1966 beklagte er sich in einem Interview mit der Zeitschrift film verschlüsselt über die Frechheit der kontrollierenden Instanzen. Nicht die Barbaren, sagte er, hätten das Römische Reich zerstört, sondern die Bürokraten.

Worum es beim Streit um die rechte Verwaltung eigentlich geht, bezeichnete er konkret: Er kümmere sich zuviel um den amerikanischen Film (weil er alles im französischen Film Erreichbare längst gesammelt hat).

In stupider Unkenntnis des Ranges von Langlois und seinem Lebenswerk setzte der Verwaltungsrat ihn kurzerhand ab, präsentierte sofort einen Nachfolger und gab eine Reihe von Entlassungen unter dem Personal des Instituts bekannt. Die Mehrheit der französischen Filmer protestierte spontan, ging auf die Straße, boykottierte die Vorführungen der Cinemathek; französische Regisseure zogen ihre Filme zurück, Ausländer schlossen sich an. In kurzer Zeit war die Cinemathek nicht mehr arbeitsfähig. Ein "Komitee zur Verteidigung der Cinemathek" wurde gegründet. Unter dem Ehrenpräsidenten Jean Renoir präsidiert Alain Resnais, Vizepräsidenten sind Henri Alekan und Pierre Kast, als Sekretäre fungieren Jean-Luc Godard und Jacques Rivette, als Schatzmeister François Truffaut und Jacques Doniol-Valcroze, zum Fußvolk der Organisation, "Mitglieder des Büros" genannt, gehören Marcel Carné, Claude Chabrol, Roger Vadim, Robert Bresson und andere.

Das Komitee veranstaltete Versammlungen und Demonstrationen in Paris und in der Provinz. Das Festival in Cannes sollte dazu dienen, vor einem internationalen Publikum die gaullistische Kulturpolitik anzuprangern. De Gaulles Beamte lenkten ein. Am 22. April zogen sie sich aus dem Verwaltungsrat der Cinemathek zurück.

Die Cinemathek war frei, aber sie war arm. Ohne Kontrolle wollte der Staat keine Zuschüsse gewähren. Langlois kehrte zurück. Die Cinéasten feierten das als großen Sieg. Das nötige Geld will das Komitee durch Sammlungen aufzutreiben versuchen.

Die "Affäre Langlois" hatte den französischen Cinéasten Selbstvertrauen gegeben. Sie hatten einen Sieg über de Gaulles Politik errungen. Sie hatten erkannt, daß einflußreiche Stellungen in Massenmedien, "diplomatische" Beziehungen zu Ämtern wenig vermögen im Vergleich zur Macht einer sich solidarisierenden Branche.

Deshalb sind die Filmer heute weiter als die Maler und die Schriftsteller und alle anderen, die unter Zensur und staatlicher Bevormundung zu leiden haben. Die Demonstrationen für Langlois waren zugleich, wie Pierre Mendès-France es in einer Solidaritätsadresse ausdrückt, Proteste gegen "die Politik, die diese Abberufung symbolisiert".