Freilich, der genialische Langlois war nicht bereit, die Ordnung als Selbstzweck anzuerkennen. Schon 1966 beklagte er sich in einem Interview mit der Zeitschrift film verschlüsselt über die Frechheit der kontrollierenden Instanzen. Nicht die Barbaren, sagte er, hätten das Römische Reich zerstört, sondern die Bürokraten.

Worum es beim Streit um die rechte Verwaltung eigentlich geht, bezeichnete er konkret: Er kümmere sich zuviel um den amerikanischen Film (weil er alles im französischen Film Erreichbare längst gesammelt hat).

In stupider Unkenntnis des Ranges von Langlois und seinem Lebenswerk setzte der Verwaltungsrat ihn kurzerhand ab, präsentierte sofort einen Nachfolger und gab eine Reihe von Entlassungen unter dem Personal des Instituts bekannt. Die Mehrheit der französischen Filmer protestierte spontan, ging auf die Straße, boykottierte die Vorführungen der Cinemathek; französische Regisseure zogen ihre Filme zurück, Ausländer schlossen sich an. In kurzer Zeit war die Cinemathek nicht mehr arbeitsfähig. Ein "Komitee zur Verteidigung der Cinemathek" wurde gegründet. Unter dem Ehrenpräsidenten Jean Renoir präsidiert Alain Resnais, Vizepräsidenten sind Henri Alekan und Pierre Kast, als Sekretäre fungieren Jean-Luc Godard und Jacques Rivette, als Schatzmeister François Truffaut und Jacques Doniol-Valcroze, zum Fußvolk der Organisation, "Mitglieder des Büros" genannt, gehören Marcel Carné, Claude Chabrol, Roger Vadim, Robert Bresson und andere.

Das Komitee veranstaltete Versammlungen und Demonstrationen in Paris und in der Provinz. Das Festival in Cannes sollte dazu dienen, vor einem internationalen Publikum die gaullistische Kulturpolitik anzuprangern. De Gaulles Beamte lenkten ein. Am 22. April zogen sie sich aus dem Verwaltungsrat der Cinemathek zurück.

Die Cinemathek war frei, aber sie war arm. Ohne Kontrolle wollte der Staat keine Zuschüsse gewähren. Langlois kehrte zurück. Die Cinéasten feierten das als großen Sieg. Das nötige Geld will das Komitee durch Sammlungen aufzutreiben versuchen.

Die "Affäre Langlois" hatte den französischen Cinéasten Selbstvertrauen gegeben. Sie hatten einen Sieg über de Gaulles Politik errungen. Sie hatten erkannt, daß einflußreiche Stellungen in Massenmedien, "diplomatische" Beziehungen zu Ämtern wenig vermögen im Vergleich zur Macht einer sich solidarisierenden Branche.

Deshalb sind die Filmer heute weiter als die Maler und die Schriftsteller und alle anderen, die unter Zensur und staatlicher Bevormundung zu leiden haben. Die Demonstrationen für Langlois waren zugleich, wie Pierre Mendès-France es in einer Solidaritätsadresse ausdrückt, Proteste gegen "die Politik, die diese Abberufung symbolisiert".