Was hatten wir im Jahr 1958 nicht alles von dem Tag erwartet, an dem die Zollunion der EWG vollendet und in Europa ein Binnenmarkt von 180 Millionen Verbrauchern entstanden sein wird. Wir hatten angenommen, der Abbau der Zollschranken müsse auch zu einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungspolitik, zur Gründung übernationaler Konzerne und enger technologischer Zusammenarbeit führen. Vor allem aber bestand die Hoffnung, daß es zehn Jahre nach Gründung der Wirtschaftsgemeinschaft auch eine politische Kooperation, vielleicht sogar bereits einen lockeren, aber funktionsfähigen Staatenbund geben wird.

Und wie sieht die Realität in Europa aus, in den Tagen und Wochen vor dem 1. Juli 1968? Junge Deutsche werden ohne Rechtsgrund und unter Anwendung von Gewalt aus Paris abgeschoben, Frankreich will aus Angst vor der drohenden Inflationskrise den freien Warenaustausch gleich zu Beginnn wieder beschränken, und Brüssel läßt allen Schwung vermissen.

Seit dem erzwungenen Rücktritt Hallsteins werden bei den Europa-Behörden kaum noch politische Ziele angesteuert, die Aktivität erschöpft sich weitgehend im Streit um den Stellenplan, und der neue Präsident Jean Rey agiert nach der in Bonn nur zu bekannten Devise „Probleme, über die wir uns nicht einigen, werden ausgeklammert“. Längst haben wir uns daran gewöhnen müssen, daß der Weg zur Wirtschaftsunion noch weit ist – von der politischen Gemeinschaft ganz zu schweigen. Wenn das deutsche Kommissionsmitglied Hans von der Groeben nicht auf die Formulierung von „Perspektiven“ gedrängt hätte, wäre der 1. Juli vielleicht vorbeigegangen, ohne daß Brüssel sich zur Zukunft der Gemeinschaft geäußert hätte.

Nein, der Traum vom großen, einigen Europa hat sich nicht erfüllt. So ist es gewiß verständlich, wenn viele an einer Gemeinschaft verzweifeln möchten, die sich oft nur in dem großen Feilschen um Schweinekontingente oder Olivenpreise manifestiert. Doch wenn sich keine Alternativen zeigen, ist Resignation kaum die richtige Antwort auf die Tatsache, daß sich ein Traum nicht erfüllt hat.

Und es gibt keine Alternative zum Weiterbau der EWG: weder ökonomisch noch politisch. In einer Zeit, in der Eisenbahnexperten feststellen, daß unsere Züge bald mit 300, vielleicht sogar 500 Kilometern pro Stunde verkehren werden, sind die Räume der Nationalstaaten wirklich zu klein geworden. Wenn der Raumfahrtindustrielle Ludwig Bölkow in einem leidenschaftlichen Appell fordert, Europa müsse an einem großen Zukunftsprojekt wie der Landung eines Menschen auf dem Mars mitwirken, dann wird klar: unser Kontinent hat gar keine andere Wahl, als seine Kräfte zu vereinen, um vor der Herausforderung des wissenschaftlich-technischen Zeitalters zu bestehen.

Immerhin ist einiges erreicht worden: in zehn Jahren EWG haben die Menschen in unserem Kontinent einen Lebensstandard erreicht, der es bald erlauben wird, mit Galbraith von einer Gesellschaft im Überfluß zu sprechen. Gewiß, Wohlstand ist nicht genug – aber doch eine wesentliche Voraussetzung für Reformen. Und warum sollten wir aufhören zu träumen: Wenn wir geduldig eine „Politik der kleinen Schritte“ betreiben, werden sich 1978, in zehn Jahren, vielleicht doch manche der Hoffnungen erfüllt haben, die wir schon so lange hegen.

Diether Stolze