Von Günter Busch

Dem Bücherfreund ist Alfred Kubin als ungemein fruchtbarer Illustrator von unverwechselbarem Kritzelstil bekannt. Sammler und Kupferstichkabinette bewahren seine Federlithographien und akribisch ausgeführten Handzeichnungen. Der Kunstfreund weiß, daß er 1909 zur „Neuen Künstlervereinigung“ in München und 1911 zum „Blauen Reiter“ gehörte. Dieser avantgardistischen Zusammenhänge erinnert man sich gelegentlich unter dem Motto: „...und auch Kubin...“ Dem einen oder dem anderen mag auch einfallen, daß er zeitweilig Mitglied der Berliner Sezession Liebermanns und 1913 im Herbstsalon von Waldens „Sturm“ mit einer gewichtigen Gruppe von Blättern vertreten war. Eine skurrile Figur dieser Mann, im Grunde ein Außenseiter, der heute allenfalls für Bibliophile oder historisch Interessierte von Belang zu sein scheint. Worin mag die Aktualität dieses 1959 auf Schloß Zwickledt bei Wernstein am Inn Verstorbenen zu sehen sein, daß ein Verleger das Risiko auf sich nimmt, in einem herrlich aufwendig gedruckten Buche sein zeichnerisches Werk neu zur Diskussion zu stellen? Handelt es sich dabei vielleicht um eine „innerösterreichische“ Angelegenheit? Oder ist es der surrealistische Aspekt seiner Bildwelt, der den Residenz Verlag in Salzburg ermutigte, diese vorbildlich gestaltete und teure, für ihre Qualität indessen preiswürdige Publikation auf den Büchermarkt zu bringen –

Wieland Schmied: „Der Zeichner Alfred Kubin“; Residenz Verlag, Salzburg; 454 S., 188 Bildtafeln, 12 Abb. im Text, 278,– DM.

Wieland Schmied, seit 1963 Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover, wo er schon 1964 eine großartige Kubin-Ausstellung zeigte, vom Studium her und aus Überzeugung der österreichischen Spielart der Moderne verbunden, hat einen vorzüglichen Einleitungsessay dazu geschrieben, der diese und andere Fragen direkt und indirekt beantwortet. Nicht zuletzt liegen die Antworten natürlich in der Kunst Kubins selbst beschlossen. Der Leser und Betrachter dieses Buches hat Gelegenheit, das Gesagte an Hand der Abbildungen wirklich zu überprüfen; denn – dies muß mit Nachdruck gesagt werden – ich kenne kaum ein neueres Kunstbuch, dessen Reproduktionen mit dieser beispielhaften Sorgfalt hergestellt wären. Meist ist es umgekehrt: Der Autor paßt sich den miserablen Wiedergaben in seiner Interpretation an, oder (in „gehobenen Fällen“) es gelingt dem Autor, dem Bildteil im Sinne seiner farbigen Diktion zusätzlich farbiges Feuer aufzusetzen; im Normalfall haben Text und Abbildungen herzlich wenig miteinander zu tun. – Hier nun ist ohnehin von Farbe nur sehr leise oder am Rande die Rede. Sie tritt immer nur, wenn überhaupt, als Akzidenz zum zeichnerischen Gefüge hinzu. Kubin ist vom Herzen her ein Mann des Schwarz-Weiß, und das Schwarz überwiegt dabei zumeist. Er ist ein Mann der nächtigen Schatten oder der Dämmerung. Also ein Zeichner schlechthin. Ein großer Zeichner?

Was ist ein großer Zeichner? Er war ein manischer Zeichner. Wie sein – als Zeichner! – größerer Kollege Constantin Guys hat er „nur“ gezeichnet. Wie bei dem Franzosen gibt es bei ihm so gut wie keine gemalten Bilder. Auch seine Bilder, als finale Kunstwerke verstanden, hat er gezeichnet. Vornehmlich mit der schwarzen, widerborstigen Tuschfeder, zu der nicht selten schwarze oder graue Lavierung, selten farbige Aquarellierung hinzutritt. Auch das verbindet ihn mit Guys, wenn bei diesem auch die Dimension der Eleganz weitere Ähnlichkeiten ausschließt. Kubin ist unelegant, ja – und nun kommt das Seltsame: eigentlich kann Kubin gar nicht zeichnen, jedenfalls nicht besonders gut. Das gilt ähnlich so für Barlach. Andere können ohne Zweifel sehr viel besser zeichnen. So die Akademiker älterer oder neuerer Observanz – Holbein, Ingres, Picasso.

Aber auch die „großen Zeichner“, denen die Handzeichnung selbstverständliches und unmittelbares Ausdrucksmittel äußerer oder innerer Erregung ist, die also häufig auf akademische Kalligraphie oder „Richtigkeit“ verzichten, auch diese können „besser“ zeichnen – Grünewald, Rembrandt, Delacroix, Cézanne. Und sogar Kubins Geistesverwandte von der Themenwelt und von der seelischen Temperatur her, die Zeichner des Phantastischen, Gräßlichen, Unheimlichen, Abseitigen, zeichnen besser – Bosch, Breughel, Goya, Redon, die Surrealisten und die Neo-Surrealisten.

Wie zeichnet Kubin? Wieland Schmied hat es ungemein treffend gesagt: „Der einzelne Strich evoziert nicht, er ist geradezu ausdruckslos, formlos; erst in der Gemeinschaft des Strichgefüges gewinnt er Kraft, kommt er zum Leben, findet er seine Funktion: Wie die Gestalt der Wasserhose unter der Gewalt des Sturmes sich aus kleinsten Wasserteilchen aufbaut, so entsteht unter der Hand des Zeichners aus kleinsten Strichteilchen ihr graphisches Bild...“ Schmied zitiert den unvergessenen Peter Halm, dem er seine Betrachtung im ganzen widmet. Und er sagt weiter: „Kubins zeichnerische Eigenart ist, nicht hervorzurufen, sondern zu verhüllen. Er streicht aus. Er rückt weg. Er entzieht. Er widerruft. Er deckt zu. Er spinnt ein. Er kapselt ab. Ein Wort Klees umkehrend könnte man sagen: Kubin gibt nicht das Unsichtbare wieder – er macht unsichtbar. Treffender ist: Er macht unwirklich.“ Das unterscheidet ihn vom Surrealismus und seinen modischen Derivaten. Und dies: daß dies kunstlose Kunst ist, ungeschicktes, in der Form kindliches Stammeln eines weise und greisenhaft gewordenen Kindes – im Gegensatz zum kunstreichen Sich-Spreizen etwa der neueren „Wiener Schule“ und ihrer jugendlichen Protagonisten.