Während am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin die Lehrstuhlinhaber eine Entscheidung der Institutsvollversammlung akzeptierten, die das Ende der Ordinarienherrlichkeit bedeutet, zirkulierte an den deutschen Hochschulen ein Papier, das eben diese Herrlichkeit erbittert verteidigt: das Marburger Manifest, in Umlauf gebracht durch die „Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Freiheit von Forschung und Lehre“ und inzwischen von rund 1300 Ordinarien und Nichtordinarien unterschrieben.

Während das Otto-Suhr-Institut aus seiner eigenen Krise und aus der bisherigen Diskussion Konsequenzen zog und hofft, damit ein Beispiel für die Hochschulreform zu geben, hat ein Viertel aller Professoren, besorgt über „die Gefahr, die das Wesen der deutschen Hochschule bedroht“, seinen Widerwillen gegen diese Reform artikuliert – oder artikulieren lassen; denn es scheint, als hätten viele der Unterzeichner gar nicht gemerkt, was sie da unterschrieben haben: ein undemokratisches und unwissenschaftliches Dokument konservativer Mißverständnisse.

Die Argumente sind bekannt. Es sind die, die immer dann herangezogen werden, wenn es gilt, die „sogenannte Demokratisierung der Hochschule“ zu attackieren:

  • Parlamentarische Verfahrensweisen beziehen sich „in einer freiheitlich demokratischen Staatsordnung in erster Linie auf die Gesetzgebung und keineswegs auf sämtliche Lebensbereiche des Staates“.
  • „Während bisher noch nicht einmal der Staat das Recht hatte, in die Freiheit von Forschung und Lehre einzugreifen, soll dies nunmehr studentischen Wortführern zugebilligt werden.“
  • „In endlosen und zermürbenden Debatten werden Arbeitskraft und Arbeitsfreude bei denen zerstört werden, auf deren wissenschaftlichem Rang die Leistung der Universität beruht.“
  • „Selbst eine Zustimmung aller Mitglieder der Großen Senate“ könnte nichts daran ändern, daß die studentische Mitbestimmung „die Freiheit von wissenschaftlicher Forschung und Lehre in grundrechtswidriger Weise gefährdet“.
  • Studentische Mitarbeit ist eines Kulturstaates unwürdig. Dafür spricht, „daß kein anderer Kulturstaat der Erde außer der Bundesrepublik und der Volksrepublik China auf den Gedanken kam, eine so kostbare und kostspielige Institution wie die Universität... zu ,demokratisieren‘“.

Nicht diese bekannten Argumente sind es, die das Marburger Manifest zu einem fatalen Dokument machen. Bemerkenswerter scheint mir, daß „der Wissenschaft verpflichtete und durch ihren Amtseid gebundene Hochschullehrer“ sich für diesen Fall von all ihren Verpflichtungen offenbar freigesprochen haben und, „das Schlimmste befürchtend“, gegen das zu Felde ziehen, was sie für „sachwidrige Einflußnahme“ und „wissenschaftsfremd“ halten: gegen den Wunsch der Studenten, an der Organisation der Universität beteiligt zu werden. „Die studentischen Wortführer“ sind „nicht legitimiert, in der Kulturpolitik parlamentarische Volksvertreter zu ersetzen.“ Als hätten die Studenten je diesen Anspruch gestellt!

So werfen die Professoren Begriffe durcheinander und verwechseln Parität mit Proporz. So wollen sie die Demokratie auf die Gesetzgebung beschränkt wissen. Das verrät ein zweifelhaftes Verhältnis zur Demokratie; trotz des wiederholten Hinweises auf ihre „staatsbürgerlichen Pflichten“ scheinen die Verfasser sich über die Rolle der Hochschule in einer modernen Gesellschaft zuwenig Gedanken gemacht zu haben.

Entlarvend ist, daß „wissenschaftliche Verantwortung“ in Anspruch genommen wird, wo offenbar doch auch anderes im Spiel ist: „Wir halten es für ungesetzlich und mit unserem Amtseic für nicht vereinbar, zur Loyalität gegenüber neuartigen Entwicklungen aufgerufen zu werden, welche die Erfüllung dieser Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen unmöglich machen und im Gegensatz zu denjenigen Voraussetzungen stehen, unter denen der Amtseid geleistet wurde.“

Das Marburger Manifest ist die ein wenig geglättete Fassung eines Artikels, den der Marburger Theologe Ernst Benz vor einigen Monaten in der „Welt“ veröffentlichte. Einiges wurde gestrichen, zum Beispiel ein paar törichte Sätze des Inhalts, daß die Hochschule das Dritte Reich doch eigentlich ungebrochen überstanden habe; anderes, zum Beispiel der Vergleich der Bundesrepublik mit der Volksrepublik China, kam dafür neu hinzu.

Die Aussagen, zu denen Professor Benz sich unter der Überschrift „Ich kann nicht länger schweigen“ gedrängt fühlte, stehen in blauäugiger Übereinstimmung mit einer Stellungnahme des Hochschulverbandes zur Universitätsreform. Das Präsidium der professoralen Standesorganisation erklärte: „Die Hochschullehrer in der Bundesrepublik beobachten mit Sorge, wie das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Hochschulen angesichts studentischer Aggressivität zunehmender Unsicherheit weicht. Staat und Gesellschaft sehen sich von einer Unruhe belästigt, von der weithin geglaubt wird, die Hochschulen könnten sie in sich befrieden, wenn die Hochschullehrer ihrer Aufgabe voll gerecht würden.“ Nicht nur die Schrifttypen des Marburger Manifests deuten darauf hin, daß zwischen dem Marburger Arbeitskreis zur Rettung der Universität und dem Hochschulverband mehr als nur zufällige Verbindungen bestehen.

Jedenfalls haben 1300 Hochschullehrer durch ihre Unterschrift dafür gesorgt, daß „Staat und Gesellschaft“ erst recht nicht mehr daran glauben dürfen, die Hochschule könne selbst für ihre Reform sorgen.

In einer ersten und unvollständigen Veröffentlichung der Unterschriften sind von rund 800 Professoren, die die Universität gut finden, so wie sie ist, und die eine grundlegende Reform für überflüssig halten, beinahe fünfzehn Prozent älter als siebzig Jahre, also bereits emeritiert. Auch sonst überwiegen die älteren Jahrgänge, bis 1910 etwa, und die jüngeren gehören durchweg zu den naturwissenschaftlichen Fakultäten.

Überhaupt überrascht die Unterschriftenliste den Kundigen kaum. Die Vertreter der geisteswissenschaftlichen Fächer kommen überwiegend aus Instituten, die niemals ein Seminar mit mehr als zwanzig Leuten abhalten, in denen der Ordinarius wie in alten Zeiten freundlicher oder grimmiger Familienvater ist: Da treten die Musikwissenschaftler und Assyrologen an, die Keilschriftforscher und Kunsthistoriker, die Dialektgeographen und die Spezialisten für „Allgemeine und bayrische Papstgeschichte“. Manche Seminare haben offenbar geschlossen unterschrieben: die Forstwissenschaftler in Freiburg, die Archäologen von Berlin, die Heidelberger Althistoriker.

Erstaunen könnte es wecken, daß auch die Universität Konstanz in der Liste auftaucht, mit einer Unterschrift. Das kann doch nicht wahr sein, denkt der verblüffte Leser, daß an Deutschlands Parade-Reformuniversität einer so gegen sämtliche Anstandsregeln der Gründungsdenkschrift verstößt? Es ist auch nicht wahr: Der angebliche Sprecher der Universität Konstanz hat mit der Universität Konstanz nicht das geringste zu tun; er ist ein emeritierter Musikwissenschaftler, der seine alten Tage am Bodensee verbringt.

Krumme Wege werden nicht dadurch gerade, daß sie von Professoren begangen werden. Und jener Hochschullehrer hat recht, der das Marburger Manifest ein Pamphlet nannte und eine Katastrophe für das mühsam gepäppelte Sorgenkind Universitätsreform.