Das Marburger Manifest ist die ein wenig geglättete Fassung eines Artikels, den der Marburger Theologe Ernst Benz vor einigen Monaten in der "Welt" veröffentlichte. Einiges wurde gestrichen, zum Beispiel ein paar törichte Sätze des Inhalts, daß die Hochschule das Dritte Reich doch eigentlich ungebrochen überstanden habe; anderes, zum Beispiel der Vergleich der Bundesrepublik mit der Volksrepublik China, kam dafür neu hinzu.

Die Aussagen, zu denen Professor Benz sich unter der Überschrift "Ich kann nicht länger schweigen" gedrängt fühlte, stehen in blauäugiger Übereinstimmung mit einer Stellungnahme des Hochschulverbandes zur Universitätsreform. Das Präsidium der professoralen Standesorganisation erklärte: "Die Hochschullehrer in der Bundesrepublik beobachten mit Sorge, wie das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Hochschulen angesichts studentischer Aggressivität zunehmender Unsicherheit weicht. Staat und Gesellschaft sehen sich von einer Unruhe belästigt, von der weithin geglaubt wird, die Hochschulen könnten sie in sich befrieden, wenn die Hochschullehrer ihrer Aufgabe voll gerecht würden." Nicht nur die Schrifttypen des Marburger Manifests deuten darauf hin, daß zwischen dem Marburger Arbeitskreis zur Rettung der Universität und dem Hochschulverband mehr als nur zufällige Verbindungen bestehen.

Jedenfalls haben 1300 Hochschullehrer durch ihre Unterschrift dafür gesorgt, daß "Staat und Gesellschaft" erst recht nicht mehr daran glauben dürfen, die Hochschule könne selbst für ihre Reform sorgen.

In einer ersten und unvollständigen Veröffentlichung der Unterschriften sind von rund 800 Professoren, die die Universität gut finden, so wie sie ist, und die eine grundlegende Reform für überflüssig halten, beinahe fünfzehn Prozent älter als siebzig Jahre, also bereits emeritiert. Auch sonst überwiegen die älteren Jahrgänge, bis 1910 etwa, und die jüngeren gehören durchweg zu den naturwissenschaftlichen Fakultäten.

Überhaupt überrascht die Unterschriftenliste den Kundigen kaum. Die Vertreter der geisteswissenschaftlichen Fächer kommen überwiegend aus Instituten, die niemals ein Seminar mit mehr als zwanzig Leuten abhalten, in denen der Ordinarius wie in alten Zeiten freundlicher oder grimmiger Familienvater ist: Da treten die Musikwissenschaftler und Assyrologen an, die Keilschriftforscher und Kunsthistoriker, die Dialektgeographen und die Spezialisten für "Allgemeine und bayrische Papstgeschichte". Manche Seminare haben offenbar geschlossen unterschrieben: die Forstwissenschaftler in Freiburg, die Archäologen von Berlin, die Heidelberger Althistoriker.

Erstaunen könnte es wecken, daß auch die Universität Konstanz in der Liste auftaucht, mit einer Unterschrift. Das kann doch nicht wahr sein, denkt der verblüffte Leser, daß an Deutschlands Parade-Reformuniversität einer so gegen sämtliche Anstandsregeln der Gründungsdenkschrift verstößt? Es ist auch nicht wahr: Der angebliche Sprecher der Universität Konstanz hat mit der Universität Konstanz nicht das geringste zu tun; er ist ein emeritierter Musikwissenschaftler, der seine alten Tage am Bodensee verbringt.

Krumme Wege werden nicht dadurch gerade, daß sie von Professoren begangen werden. Und jener Hochschullehrer hat recht, der das Marburger Manifest ein Pamphlet nannte und eine Katastrophe für das mühsam gepäppelte Sorgenkind Universitätsreform.