Von François Bondy

Cesare Pavese, der sich vor achtzehn Jahren in einem Hotelzimmer in Turin mit Schlaftabletten das Leben nahm, wäre jetzt knapp sechzig Jahre alt – jünger also als Ungaretti und Montale, als Gadda, Pizzuto, Silone, Moravia, die so lebendig und bestimmend zur italienischen Literatur von heute gehören. Wenn daher in einer deutschen Besprechung von Paveses Erzählungen mit Staunen bemerkt wurde, hier stünden „Sätze, die von einem heute noch lebenden Autor stammen könnten“, so darf nicht vergessen werden, wie nahe Pavese der jetzt wirkenden Generation stand und wie sehr er überdies seine meisten Leser und seinen internationalen Ruhm, also seine literarische Gegenwart, erst nach seinem Tod gefunden hat. Aber Pavese scheint zuweilen auch fern, weil er zugleich ein Autor und ein Mythos ist.

Er selber hat nicht aufgehört, über das Mythische nachzusinnen; als Verlagslektor bei Einaudi empfahl er die Übersetzung der Mythologen Karl Kerenyi, Mircea Eliade. Auch ist im jetzt erschienenen Band –

Cesare Pavese: „Schriften zur Literatur“, Vorwort von Italo Calvino, aus dem Italienischen von Erwin Koppen; Claassen-Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 450 S., 24,– DM

– der dritte Teil um das Thema des Mythos gruppiert. Was Pavese als den Mythos bezeichnet, das ist „das einmalige, absolute Geschehnis, ein Konzentrat von Lebenskraft, das aus anderen Bereichen als unserem Alltag stammt“. Was aber den „Mythos Pavese“ ausmacht, das ist die unauflösliche Mischung von literarischem und biographischem Interesse am Werk – mit den Selbstzeugnissen der Tagebücher und der Briefe – und am Schicksal.

Da ist die Reihe der enttäuschend ausgehenden Leidenschaften, deren letzte, zu einer Amerikanerin, Anlaß des lange in ihm gereiften Selbstmordes wurde, die Mehrdeutigkeit, mit der der Selbstmord mit einem sexuellen Ungenügen zu tun hatte, aber vermutlich auch mit einer beginnenden Entfremdung gegenüber dem Kommunismus, in den sich der Einsame gleich nach dem Krieg geflüchtet hatte – das politische Schicksal eines Unpolitischen, der der faschistischen Partei beigetreten war, aber wegen seiner literarischen Tätigkeit nach Kalabrien verbannt wurde, der zum Widerstand animierte, aber an ihm nicht teilnahm, der sich dem Kommunismus zuwandte, aber Kindheitserinnerungen mit toskanischer Landschaft mythisch, nicht historisch verband. Liebenswerter als in den eigenen Aufzeichnungen erscheint uns Pavese in den unvergleichlichen Erinnerungsbänden von Natalia Ginzburg („Lessico familiare“ und vor allem „Le piccole virtù“). Pavese bleibt von der Spannung zwischen dem heimatlichen Dorf und der Großstadt Turin geprägt, zwischen einer immer intensiver gestalteten engen Erfahrung – er ist niemals ins Ausland gereist – und der Weite seiner Bildung.

Allein die Tatsache ist staunenswert, daß er in zwanzig Schaffensjahren so viele Erzählungen und Romane geschrieben und achtzehn bedeutende Werke aus dem Englischen übersetzt hat – von Melville über Joyce bis Steinbeck, von Trevelyan bis Toynbee – und außerdem als Verlagslektor auf den Gebieten der ausländischen Literatur und der Geistesgeschichte so viel entdeckt und gefördert hat.