Auch Amerika ist für Pavese ein Existenzbedürfnis; dort wurzeln und reifen die Schriftsteller in einer Gesellschaft, während das Verhältnis von Gesellschaft und Schriftsteller in Italien fast immer tragisch gewesen ist. In einem frühen Brief an den Korrespondenten in Chikago, der ihn in sprachlichen Dingen berät, schreibt Pavese: "Dieses wird das Jahrhundert der amerikanischen Literatur sein, so wie Griechenland, Italien, Frankreich ihre Jahrhunderte hatten." Amerikaner wie Leslie Fiedler und Susan Sontag haben in ihren Essays über Pavese diese innere Beziehung verstanden. In Italo Calvinos Vorrede ist das alles zu sehr ins Politische gewendet; vermag Calvino doch vom "Revolutionär Pavese" zu sprechen, von seiner Widerspruchslosigkeit, seiner Reife, seiner Härte – als wäre Pavese eben das gewesen, was er zuweilen sein wollte. Da kommt der Begriff des "Scheiterns", so fragwürdig er ist, dem wesentlichen Widerspruch Paveses näher. Statt den "Mythos Pavese" zu klären, wie er, der Freund, es am besten könnte, betreibt Calvino hier Legendenbildung. Das hat schon Davide Lajolo in seiner mehr pietätvollen als kritischen Pavese-Biographie, die gleichfalls bei Claassen erschienen ist, getan.

Pavese hat nicht nur mit seiner Veranlagung und vielleicht mit den Spuren seiner vaterlosen Kindheit gerungen, sondern auch mit einem Problem des Erzählens, das er 1939 so formuliert hatte: "Wir wollen den Erfahrungsreichtum des Realismus und die Empfindungstiefe des Symbolismus und suchen eine Balance zwischen diesen beiden Gegensätzen." Wir verstehen, daß diesem großen Deuter der amerikanischen Literatur dennoch – es ist eine Bemerkung aus seinem letzten Jahr – Thomas Mann als der größte zeitgenössische Erzähler gilt. Er ist auch kein bloß literarisches Problem, dieser Widerspruch zwischen Realismus und Symbolismus. Pavese ist der Schriftsteller einer schmalen persönlichen Erfahrung, der aus dieser Enge heraus seine vollendetsten Kurzromane geschaffen hat, und einer Goetheschen Weite des weltliterarischen Horizonts. "Man kann kein gültiges Werk schreiben, wenn man nicht alles Zeitgenössische aufgenommen hat", sagte er. Es ist aber diese Spannung zwischen produktiver Kargheit und Streben nach Fülle, die Pavese als unlösbar erlebt. In den "Schriften" ist sie anders zugegen als in den Erzählungen.

Die dritte Ausdrucksweise – und in vielem die persönlichste – ist in seinen Briefen zu finden. Sie sollen demnächst als elfter und wohl letzter Band bei Claassen erscheinen, dem Verlag, der das Gesamtwerk Paveses beispielhaft betreut hat, und werden abermals bestätigen, wieviel uns der Schriftsteller zu geben hat, der sich, kurz nachdem ihm der höchste italienische Literaturpreis zuerkannt worden war, in einem Hotelzimmer in Turin vergiftet hat, weil er seine unheilbare Einsamkeit nicht mehr ertrug.