München

Die bisher verwendeten Briefbogen und Stampiglien sind keinen Pfifferling mehr wert. Denn Großes ist geschehen. Das Fingerhakeln und Kulissenschieben auf der vorolympischen Bühne zu München kann jetzt unter amtlichen Kennzeichen geschehen. Es existiert jetzt das offizielle Emblem für die „Spiele der XX. Olympiade in München 1972“.

Es war ein Sieg der Fortschrittlichen über die Traditionalisten, errungen auf einer Marathonstrecke, die das heimatlose Team (des Gestaltungsbeauftragten Otl Aicher) jedoch nur mit Hilfe einer (vom Komitee-Präsidenten Willi Daume alarmierten) Rettungsmannschaft (bestehend aus den Graphikern Herbert W. Kanitzki, Coordt von Manstein, Klaus Winterhagen und Wolf D. Zimmermann) bewältigte. Nun aber weiß die Jugend der Welt, daß das Olympia am Ort des Hofbräuhauses unter einer op-artigen Kombination von Strahlenkranz und Spirale stattfindet.

Die Schöpfer sprachen von Dynamik und Spannung, die ihr Zeichen symbolisiere. Die eingeborenen Isar-Olympier jedoch ließen die Zunge hängen. Keine Frauentürme, kein Münchener Kindl sind im Bild. Nicht einmal als Maßkrug oder Rettich läßt sich die Strahlenspirale deuten, allenfalls als Draufsicht auf jenes Spezialgerät, mit dem der Rettich vorschriftsmäßig dünn geschnitten wird. Als hinausgeworfenes Geld erwiesen sich die 56 000 Mark, mit denen ein Ideen-Wettbewerb ausgeschrieben worden war. Von den 2332 Einsendern hatte die Mehrzahl krampfhaft versucht, die fünf olympischen Ringe mit bajuwarischer Folklore zu garnieren. Sein Kölner Idiom verbergend, suchte der 30jährige Coordt von Manstein, Schöpfer des siegreichen Zeichens, Trostworte für die unterlegenen Lokalpatrioten: Der Strahlenkranz solle das „strahlende München“ und die Spirale „gesteigerte Federkraft“ darstellen.

Alles in allem hat die Emblem-Suche rund 80 000 Mark gekostet. Das Hundertfache soll das inzwischen urheberrechtlich geschützte Warenzeichen einbringen. Denn es wird nicht nur auf offiziellem Briefpapier, auf Werbeplakaten, Fahnen und Anstecknadeln zu sehen sein, sondern, wie gehabt, auch auf Zuckerstückchen, Postkarten, Zigarettenetuis und Münchener Souvenirs. Und somit wird das dynamische Olympia-Emblem zu guter Letzt doch zum Maßkrug finden. K. G.