Von Carola Stern

Wer kannte ihn schon, als er fünfzig wurde? Seit zehn Jahren ist er auf der Flucht vor seinen Landsleuten, ein unbekannter KP-Emigrant, zunächst in Prag und Paris, dann in Moskau. Sitzt er an diesem 30. Juni 1943 in einem russischen Unterstand und machte Frontpropaganda, ruft den deutschen Soldaten drüben in den feindlichen Linien zu, aufzugeben, überzulaufen, ihr Leben zu retten? Kaum einer hört auf ihn. Wird sich das nie wieder ändern? Seit einigen Monaten schöpfte er neue Hoffnung: Über den Trümmern von Stalingrad wehte wieder die rote Fahne. Die rote Fahne über Berlin – dieser eine große Wunsch – wird er noch in Erfüllung gehen?

Wieder zehn Jahre später: Berlin, Juni 1953. Unter dem Jubel der Aufständischen reißt ein junger Arbeiter das rote Tuch vom Brandenburger Tor. Reformen wollen die Streikenden, freie Wahlen, aber vor allem: Weg mit dem Spitzbart.

Der sechzigjährige ist weltbekannt, berühmtberichtigt und wird gehaßt wie kein zweiter in Deutschland. Aber dieser Haß rettet ihn. Die Nachfolger Stalins in Moskau, die dem SED-Generalsekretär am 9. Juni gegen seinen Willen einen neuen, weichen Kurs aufgezwungen hatten, erwogen wohl auch, mit dem Kurs den Kapitän zu wechseln. Aber jetzt, nach dem Arbeiteraufstand, fürchten sie um ihr Prestige, um die Macht in Deutschland. Die Hauptforderung der Streikenden zu erfüllen, Ulbricht abzusetzen – kann das nicht die Rebellion von neuem entfachen? Der alte Mann kommt noch einmal über die Runden. Wird er die Chance nutzen? Wird der sechzigjährige überleben – physisch und politisch?

Er hat sie alle überlebt: seine großen Gegenspieler in Deutschland, Kurt Schumacher und Konrad Adenauer, seine Widersacher unter den DDR-Führern, Zaisser und Herrnstadt, Wollweber, Ziller, Apel... Berija und Nagy hingerichtet, Stalin verdammt, Malenkow, Bulganin, Chruschtschow in die Wüste geschickt, Novotny entmachtet. Zwei Männer im kommunistischen Europa überstehen das alles, halten sich seit über zwanzig Jahren ununterbrochen an der Macht: Josif Broz Tito in Jugoslawien und Walter Ulbricht in der DDR. Der eine, weil er sich dem Kreml nicht unterwarf – der andere, weil er sich stets von neuem unterwarf?

Aber auch Antonin Novotny in Prag war ein treuer Partner des Kreml – und stürzte doch. Also reicht Anerkennung durch Moskau heute nicht mehr aus, um an der Macht zu bleiben, wenn die eigene Partei, die eigene Bevölkerung sie verweigern. Und der 75jährige Staatsratsvorsitzende in Ostberlin ist weit davon entfernt.

Liebe und Verehrung der Deutschen hat sich Walter Ulbricht nicht erringen können. Aber der Haß von vielen hat sich in Respekt verwandelt. Ein Respekt, den auf die Dauer Sich-Behaupten einbringt; wohl auch ein Respekt vor dem Alter, der physischen Leistung, dem Fleiß, der Gewandtheit und Schläue, dem Anpassungsvermögen dieses Mannes; Respekt, unterlegt auch mit Resignation, Verwunderung, Sich-Abfinden und Anerkennung wirtschaftlicher Erfolge und sozialer Leistungen in diesem Staat.