Ein neues Buch über Verhaltensforschung

Von Gustav Adolf Henning

Nach der Lektüre einer Abhandlung über theoretische Physik soll der Mathematiker David Hilbert das Heft kopfschüttelnd aus der Hand gelegt und geseufzt haben: „Die Physik ist für die Physiker viel zu schwer.“ – Pointiert, aber berechtigt. Mit der gleichen Berechtigung und in demselben Sinn, in dem Hilbert es meinte, ließe sich auch seufzen, daß die Deutung des Menschen für jene viel zu schwer ist, die diese Aufgabe bisher als ihre angestammte Domäne betrachtet haben: für die Geisteswissenschaftler.

Just so, wie einer Mathematiker sein muß, wenn er theoretische, das heißt mathematische Physik betreibt, müßten naturwissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden, wenn es um menschliches Verhalten geht, denn der Mensch ist aus der Natur hervorgegangen, ist ein Teil der Natur und untersteht auch in seinem Verhalten Naturgesetzen.

Instinkt gilt als unfein

Über hundert Jahre nach Charles Darwin ist dies nicht so trivial, daß man es nicht mehr wiederholen dürfe. Denn irgend etwas im Menschen sträubt sich gegen eine zoologische Betrachtung seines Verhaltens, auch wenn solches Tun „Human-Ethologie“ genannt wird. Herders Beobachtung „Man spricht sich’s einander nach, daß der Mensch ohne Instinkt sei“ (doch: „... er hat alle Instinkte, die ein Erdethier um ihn besitzet...“), hatte keine Chance, ins Deutsche Lesebuch Eingang zu finden. Man spricht sich’s weiland heute noch einander nach oder bevorzugt feineres Fachvokabular, als würde der Besitz von Instinkten etwas von einer gewissen Peinlichkeit einbüßen, wenn man sie als das „Unbewußte“, das „Archaische“, als „Tiefenschicht der Persönlichkeit“, als den „endothymen Grund“, das „Es“ oder als „Paläopsyche“ tituliert. Ein Mensch mit einer Tiefenschicht kann allemal ein anständiges Mitglied der Gesellschaft sein, einer mit Instinkten – da weiß man’s gleich nicht mehr so genau.

Freilich ist es für den Menschen nicht leicht, ein naturwissenschaftliches Problem darin sehen zu können, daß er zum Beispiel Blumen oder Konfekt überreicht, wenn er eingeladen ist (das Territorium eines fremden Artgenossen betritt) oder Minderheiten allemal unsympathisch findet (Ausstoßreaktion gegen Abweichler). Wer sich verhält, ist dabei als Handelnder intim beteiligt und erlebt sein Verhalten als etwas Selbstverständliches, keineswegs Fragwürdiges.