Sonntag, 23. Juni, 1. Programm: „Pariser Journal“

Mit seinem Plauderbaß spricht er, den Konsonanten S durch einen exotisch-aparten Zischlaut belastend, die Worte in singendem Tonfall, legt die Bedeutungsakzente auf die Endsilben der kleinen, mit männlicher Zäsur abbrechenden Koda ... nein, nicht Zäsur und nicht männlich; denn er hebt ja die Stimme, so daß sich die Punkte in Doppelpunkte auflösen, aus Einschnitten Verbindungen werden und Gegensätze, vom Gesetz der coincidentia oppositorum bestimmt, aufhören, Gegensätze zu sein. Statt harter Antithesen werden Hegelsche Entsprechungen sichtbar, Bild fügt sich zu Bild, alle Sätze sind aufeinander bezogen. Man spielt mit Parallelismen, treibt eine Folge von ähnlich gebauten Gliedern (kein Laster, keine Hoffnung, kein Glaube) die Leiter hinauf, überzeugt den Interviewten selbst so gut wie den Betrachter des Interviews durch eine eigentümlich metaphorische Art der Befragung (Sie leben unter Wölfen, meine Liebe, wie wehren Sie sieht), die sich bei genauem Hinsehen als realistischer denn eine Tatsachen-Inquisition erweist.

Was beiläufig aussieht, ist in Wirklichkeit genau kalkuliert; was sich salopp gibt, folgt dem Gebot des Verstands. Der Betrachter am Bildschirm muß aufmerksam sein: Plauderbaß liebt es, mit unerwarteten Pointen zu spielen und, immer auf höhere Entsprechung bedacht, Sätze anders als vermutet schließen zu lassen: Diese Frau kennt nur zwei Sorten von Menschen. Die einen sind schlecht und die anderen – sind gut, ergänzt, ans Denken nicht eben gewöhnt, der Zuschauer vor dem Fernsehgerät, aber Freund Plauderbaß hat es anders im Sinn, er legt über den Kontrast von den einen und anderen einen frechen Parallelismus, treibt Brechtsche Verfremdung und schließt: und die anderen sind dumm.

Hier wird nicht beschrieben, was man ohnehin sieht, hier werden nicht Worte zu Photos addiert: Hier werden die Bilder befragt und interpretiert, hier haben die Ausrufe einen Fragezeichen-Charakter; hier werden die Fremdsprachen-Texte nicht stur übersetzt, sondern gedeutet, adaptiert und erklärt: Wie anmutig, wenn da, von einer Frau gesprochen, das Wort atmosphere in Plauderbassens Wiedergabe sich als Leichtigkeit entpuppt.

Und dann die Szenen-Anordnung, er wählt zwischen einer Sequenz aus Passy, wo die Gesichter so uniform wie Stöckelschuhe aussehen, und einer Bilderfolge aus den Vierteln der Armen; dann die Verwendung des Leitmotivs als eines didaktischen Mittels: immer wieder der gleiche Reiter im Bois de Boulogne, auftauchend, Hut ziehend, entschwindend, ein Symbol der alle Revolutionen überdauernden französischen Bourgeoisie; immer wieder die Paare und Pärchen – nicht aus folkloristischen Gründen, sondern um der Maxime willen gezeigt, daß man im gaullistischen Frankreich das Wort Liebe so groß schreibt, weil es mit Politik nichts zu tun hat.

Nein, es gibt keine Sendung, in der die Bilder so beredt (der Herzog von Windsor vor dem Hund aus Porzellan, die dreckigen Zähne von Altersheim-Stars, das Gesicht der Sängerin in der Sekunde des Auftritts) und die Worte so bildkräftig (Wie Faust als Teddybär sieht dieser Mann aus) sind wie in Georg Stefan Trollers Pariser Journal. Die fünfzigste Ausgabe des Magazins, eine Querschnittausgabe, gibt Gelegenheit, eines der wenigen Männer zu gedenken, die Lehrmeister des europäischen Fernsehens sind.

Momos