Eigentlich sollte es ein Empfang „aus Anlaß der zwanzigsten Wiederkehr des Tages der Einführung der Deutschen Mark“ sein, wie es in der nicht gerade sonderlich elegant formulierten Einladung hieß. Geladen hatte der CDU-Wirtschaftsrat e. V. Aber in Wirklichkeit erinnerte die CDU an Ludwig Erhard – wie es eine Wirtschaftszeitung zutreffend schrieb. Ihm galt der Beifall der tausend Gäste, die sich in der Bonner Beethovenhalle zusammengefunden hatten.

Der Altbundeskanzler, der die Ovation sichtlich genoß, setzte prompt zum Angriff auf die Wirtschaftspolitik Karl Schillers an: „Was mich von der sogenannten aufgeklärten Marktwirtschaft unterscheidet, ist der mangelnde Glaube an die Rechenhaftigkeit des Lebens und die Machbarkeit des Geschehens ... Ich glaube auch nicht an eine Synthese zwischen Walter Eucken und John Keynes.“ Das machte Eindruck: „Es war doch ein feiner Empfang... Der Erhard redete so schön und der Sekt floß in Strömen. Das gibt es nur noch bei den Unternehmern der CDU“, erinnerten sich nachher einige Damen der CDU-Prominenz.

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Am gleichen Tage hatte auch Schiller den 20. Jahrestag der Währungsreform im Regierungsbulletin gewürdigt. Erhards Name tauchte in dem Artikel allerdings nicht auf. Spätabends in einer Fernsehdiskussion gab Schiller seinem Gesprächspartner Erhard und einigen Millionen Zuschauern gern den Grund dafür an: Die Währungsreform war im wesentlichen eine Maßnahme der damaligen Besatzungsmächte. Erhards Verdienst bestehe darin, die Stunde für die Durchsetzung seiner marktwirtschaftlichen Konzeption genutzt und sie später nach Kräften ausgebaut zu haben, belehrte Schiller die Runde. Die Kränze, die ihm jetzt – vielleicht in Unkenntnis der Historie – zum 20. Geburtstag der Mark geflochten wurden, setzte sich der Altkanzler trotzdem gern aufs Haupt.

Damals, 1948, waren die Ansichten Erhards und seines sozialdemokratischen Widersachers Erich Nölting himmelweit voneinander entfernt. Schillers und Erhards Differenzen sollte man dagegen nicht zu sehr dramatisieren. Bei genauem Hinsehen weichen die Ansichten der verschiedenen Flügel ihrer Parteien mehr voneinander ab als die der beiden Professoren.

Als der neue Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrates, Manfred Schäfer – Nachfolger des württembergischen Unternehmers Klaus H. Scheufeien –, auf dem Empfang ebenfalls die Grundsätze der marktwirtschaftlichen Ordnung beschwor, dürfte er deshalb mindestens ebenso intensiv an „Abweichler“ in der eigenen Partei gedacht haben wie an den sozialdemokratischen Widerpart Schiller. Herbert B. Schmidt, der rührige Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrates, ficht seit langem gegen den linken CDU-Flügel einen harten Meinungskampf. Vor allem der Drang des linken Flügels nach Ausdehnung der qualifizierten Mitbestimmung behagt den Wirtschaftsräten nicht. Schäfer hofft, daß sich der CDU-Parteitag im November in Berlin nicht der Ansicht der christlich-demokratischen Gewerkschaftler anschließt. Wahrscheinlich beschließt der Parteitag Wahlkampfthesen, aus denen Freunde und Gegner gleichermaßen eine Bestätigung ihrer Ansichten herauslesen können. Am Status quo dürfte sich damit wenig ändern.

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