Von Ernst Lemmer

Erich Kosthort: „Jakob Kaiser, der Arbeiterführer“; 286 Seiten, 27,– DM. Elfriede Nebgen: „Jakob Kaiser, der Widerstandskämpfer“; 245 Seiten, 24,– DM. (Kohlhammer Verlag, Stuttgart).

Der Charakter des Menschen kann sich in der Politik oft nur im Widerstand gegen Unrecht oder Gefahr entwickeln und schließlich bewähren. Dieses Urteil drängt sich bei der Lektüre der Jakob-Kaiser-Trilogie auf, von der nur noch der letzte Band („Politiker zwischen Ost und West“) aussteht. Der Verfasser des ersten Bandes ist Professor Erich Kosthorst, Historiker an der Pädagogischen Hochschule Münster, des zweiten Frau Dr. Elfriede Kaiser-Nebgen und des dritten, der erst im Herbst erscheint, der Heidelberger Historiker Professor Werner Conze. Die Würdigung der beiden veröffentlichten Bände darf ich versuchen, weil ich sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall mit Jakob Kaiser in der Sache parallele Erlebnisse hatte.

Im ersten Teil seines Lebens, als sich Jakob Kaiser in das Wirken für politische und soziale Aufgaben gestellt hatte, ist er nach außen hin weniger in Erscheinung getreten. Liest man heute über sein Tun und Handeln in jenen Tagen, muß man unwillkürlich fragen: warum? Von den Autoren, von denen Frau Dr. Elfriede Kaiser-Nebgen ihm Weggefährte und jahrzehntelang engste Mitarbeiterin war, wird eine Antwort nur angedeutet. Dieser Mann wollte reifen als Arbeiterführer, ohne auf den Markt der öffentlichen Eitelkeit zu gehen, und beim Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime lag es in der Natur der gefahrvollen, vom Gewissen her diktierten Haltung, daß alles in der Stille geschah. Darum also wurde ein Mann von der Kraft und Ausstrahlung Jakob Kaisers eigentlich erst nach 1945 über den Kreis seiner gewerkschaftlichen und politischen Anhänger hinaus der Öffentlichkeit unseres ganzen Volkes zu einem Begriff.

Die historische Auseinandersetzung Professor Kosthorsts mit dem „Arbeiterführer“ empfinde ich wegen seiner menschlichen Distanz als eine der eindrucksvollsten Darstellungen der christlichen Gewerkschaftsbewegung. Geschrieben wurde sie in einer Sprache, die auch von den Angehörigen neuer Generationen verstanden und beurteilt werden kann. Dies war nur möglich, weil sich der Verfasser nicht in abstrakten Untersuchungen und Nachforschungen ergeht, sondern sich an das Lebensbild eines blutvollen, engagierten Menschen hält. In der Substanz seines christlichen Glaubens und der Gestaltungskraft des weitsichtigen Gewerkschafters lag Kaisers unerschütterlicher Widerstand gegen mächtige Kräfte begründet, die zu neuem Denken auf diesem Gebiet nicht kommen, konnten oder wollten und den gesellschaftspolitischen Vorstellungen einer sich neigenden Zeitepoche verhaftet blieben.

Erregender ist das zweite Buch über den „Widerstandskämpfer“ geschrieben. Das liegt in der Natur der Sache, nicht im Temperament des einen oder anderen Autors. Hier ging es um Tod oder Leben. Das spürt man auf nahezu jeder Druckseite, weil die Verfasserin selbst unmittelbar am Widerstandskampf beteiligt war; ihre Gefährdung war kaum geringer als die ihres Mannes.

Nicht weniger erregend ist die Darstellung der vielen Mitwirkenden in dieser Tragödie. Man versteht, wie Kaiser seine Freunde an sich ziehen konnte, mit ihm den Weg des großen Risikos zu gehen, nicht um an Stelle anderer „an die Macht“ zu kommen, sondern einfach um des Landes und des Volkes willen, mit dessen Existenz bedenkenlos va banque gespielt wurde. Nichts konnte ihn enttäuschen noch ermüden, auch nicht die unendliche Geduld, die aufgebracht werden mußte. Anschaulicher als bisher zu lesen war, weiß Dr. Elfriede Kaiser-Nebgen mit zarten Strichen ein Bild von der Begegnung deutscher Menschen zu zeichnen, die unter früheren Verhältnissen zu solch einer Kameradschaft niemals oder kaum zueinander gefunden hätten. Dazu gehört auch der Durchbruch der Arbeiterführer zu den Generalen und umgekehrt, die sich um des Vaterlandes willen die Hand reichten.