Von Tilman Neudecker

Von einem möglicherweise folgenschweren Fortschritt auf dem Gebiet der medizinischen Mikrobiologie berichtete Dr. Helen C. Davies, Assistant Professor für Mikrobiologie an der Universität Pennsylvania, anläßlich des Dritten Internationalen Symposiums für Dauerkultur von Mikroorganismen, das unlängst in Prag stattfand.

Wie die Forscherin mitteilte, ist es ihr erstmals gelungen, Streptokokkenstämme, darunter auch menschenpathogene, die sich bisher Zum Teil als äußerst anspruchsvoll und schwierig in der in vitro-Kultur erwiesen haben, auf vollsynthetischen Nährmedien in Dauerkultur zu züchten, und zwar – das ist wesentlich – unter Erhaltung ihrer pathogenen Eigenschaften.

Streptokokken sind in der Humanmedizin als Erreger verschiedener, teilweise ernster Erkrankungen wie zum Beispiel Scharlach, Tonsillitis, rheumatisches Fieber, mitunter auch Meningitis und Lungenentzündung bekannt. Die herkömmliche, meist recht erfolgreiche Behandlung einer Streptokokkeninfektion beruht im wesentlichen auf der Verabreichung von Antibiotika. Nachteilig ist nur, wie bei jeder Behandlung auf dieser Basis, die damit einhergehende unvermeidliche Selektion resistenter Bakterienstämme.

Dank des Erfolges von Dr. Davies wird man nun imstande sein, die Biochemie der Streptokocken in weit intensiverem Maße als bisher zu erforschen. Denn die Bakterien können jetzt in relativ großen Mengen rein gezüchtet werden, und die von Dr. Davies entwickelte Apparatur zur Dauerkultur – sie bezeichnet sie als „Chemostat“ – ermöglicht mit den genau arbeitenden Kontrollinstrumenten zur Aufrechterhaltung einer optimalen Sauerstoff- und Aminosäurekonzentration, der günstigsten Temperatur sowie zur Verhinderung von Autolyse durch Stoffwechselendprodukte eine definierte und meßbare Variation der Kulturbedingungen.

Ein weiterer, für die praktische Medizin wichtiger Aspekt: Jetzt läßt sich das Hüllprotein – in der Fachsprache der Mikrobiologen „M-Protein“ genannt – in verhältnismäßig großer Menge rein gewinnen. Das M-Protein ist in erster Linie für die Pathogenität mancher Stämme verantwortlich, weil es verhindert, daß nach einer Infektion die natürlichen Abwehrmechanismen des Körpers wirksam werden. Die Analyse dieses Stoffes erlaubt es vielleicht, ihn chemisch so zu verändern, daß er als Impfstoff verwendbar ist.

Damit wäre der schon erwähnte Nachteil der Antibiotikabehandlung, die Selektion resistenter Stämme, umgangen und ein bequemer Impfschutz gegen Streptokokkeninfektionen erreicht.