DIE ZEIT

Büttel in der Robe?

Die Bundesregierung gibt sich altväterlich streng: Der Vorschlag für eine Amnestie der studentischen Osterdemonstranten ist im Kabinett hängengeblieben.

Wahl der Enttäuschten

Ob es Angst war oder ob man es mit Premierminister Pompidou Abscheu nennen will, was 1,2 Millionen neuer Wähler ins gaullistische Lager trieb – der erste Wahl-Sonntag hat eine neue Lage geschaffen.

Springer-Entflechtung

Axel Springer, des ewigen Trommelfeuers gegen seinen Konzern müde, verschreckt wohl auch durch den Bericht der Günther-Kommission, hat eine Frontverkürzung vorgenommen.

Ein Nachfolger für Lübke

Die Bundesrepublik hat gegenwärtig einen Präsidenten, der keiner ist. Niemand weiß genau, wann er zurücktreten wird. Er sitzt in der Villa Hammerschmidt wie in einer belagerten Festung; von Zeit zu Zeit schickt die Union einen Parlamentär, der sondieren soll, wann der alte Herr zu Übergabeverhandlungen bereit ist – im März oder doch ein wenig früher.

Lieber Politik

Unlängst erst hatte Conrad Ahlers gedroht, die Bundesregierung könnte gezwungen werden, in einer „Art Selbstverteidigung“ für sich Propaganda zu treiben.

ZEITSPIEGEL

„Das soll ein Wahlkampf mit Davideffekt werden. Wir müssen aufs Ganze gehen, mit Zutrauen ein neues Wahlrecht als Schleuder gegen Goliath in die Hand nehmen und aus der Minorität, die wir jetzt noch sind, heraustreten.

Nicht hinter Utopien herjagen

„...so habe ich mich denn umfunktioniert.“ Mit parodistischer Zungenfertigkeit benutzt Günter Grass das Transitivverbum aus dem Wortschatz der Anarchosoziologen, um einen Wechsel des Themas zu begründen.

Nach dem ,,schwarzen Tag“

Einen „schwarzen Tag für alle Deutschen“ nannte der Berliner Regierende Bürgermeister Schütz den 11. Juni, an dem die Regierung der DDR ihre neuen Paß- und Gebührenschikanen verkündete.

Sicherheit – eine Etage tiefer

Die fünfzehn Außenminister des westlichen Bündnisses haben in dieser Woche auf ihrer Konferenz in der isländischen Hauptstadt Reykjavik an die Mitglieder des Warschauer Paktes den generellen Vorschlag einer Truppenverminderung in Europa gerichtet.

Wolfgang Ebert:: Mehr Sendungsbewußtsein!

Sie kamen in der Dämmerung. Eben hatten sie die furchtbare Nachricht im Fernsehen vernommen – da gingen sie auf die Straße: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Hausbesitzer, Friseure, Offiziere, Staatsanwälte, Arbeiter, ganze Altersheime.

Ulbrichts zweite Front

In der Ostberliner Volkskammer ging es bei der "Beratung" über die Einführung von Visa und Gebühren auf den Westberliner Zufahrtswegen etwas lebhafter zu als gewöhnlich.

Die Geste des Diktators

Die Athener Junta hat ihr Kabinett umgebildet. Ex-Oberst Papadopoulos hat etlichen Ministern und Staatssekretären den Laufpaß gegeben und noch mehr Professoren und Technokraten in sein Kabinett der Fachminister aufgenommen.

Er überlebte alle

Wer kannte ihn schon, als er fünfzig wurde? Seit zehn Jahren ist er auf der Flucht vor seinen Landsleuten, ein unbekannter KP-Emigrant, zunächst in Prag und Paris, dann in Moskau.

Schon für 1969?

In den Spitzengremien der SPD (Parteivorstand, Parteirat und Kontrollkommission) war am Wochenende die Mehrheit für ein mehrheitsbildendes Wahlrecht in der Form von Dreierwahlkreisen.

Wilson wider die Lords

Die beiden Häuser des Parlaments von Westminster haben einander oft bekämpft, selten geduldet und nie geliebt. Das Apartheid-Ritual aus Cromwells Tagen wird noch heute mitgeschleppt, obwohl längst keine Gefahr mehr besteht, daß der Monarch sich bewaffnet über die Commons herzumachen sucht.

Revision des Grundgesetzes?

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dichgans hat in seiner Rede zum Etat des Bundestages vorgeschlagen, „daß wir einmal darüber nachdenken, ob es nicht richtig ist, im Jahre 1974 eine neue verfassunggebende Nationalversammlung einzuberufen“, die von Grund auf prüfen soll, ob das Grundgesetz als Ganzes den heutigen Bedürfnissen noch entspricht.

Wirbel auf dem Pressemarkt

Axel Springer bleibt der größte, auch wenn er künftig auf den Duft von Jasmin verzichtet. Aber seine Kritiker werden sich mit der Frontbegradigung, die der Großverleger vorgenommen hat, um aus der Schußlinie zu kommen, schwerlich zufriedengeben.

Warum ich gekauft hätte

In Ihrer Ausgabe vom 25. Juni beklagt M-Mr. Jr., daß auch die Firma Gruner + Jahr auf den von Springer angebotenen Verlag Kindler Schiermeyer (mit Jasmin, Eltern, Bravo und Twen) geboten habe – dies, obwohl ich in der Pressekommission für eine Beschränkung der großen Zeitungskonzerne eingetreten bin.

Ganz ohne Journalisten geht es nicht

Das Aufsehen war gewaltig, als am Wochenende von einer Stunde auf die andere verlautete, es sei so gut wie perfekt, daß Axel Springer einen großen Teil seiner Publikumszeitschritten an die Verleger.

Gesucht: Ein neuer Richter-Typ

Rudolf Wassermann, Jahrgang 1925, vor kurzem als neuer Landgerichtspräsident in der Mainmetropole eingeführt, ist fest entschlossen, mit der „inneren Justizreform“ Ernst zu machen: „Der Gesetzgeber kann reformieren, soviel er will.

Emblem ohne Maßkrug

Die bisher verwendeten Briefbogen und Stampiglien sind keinen Pfifferling mehr wert. Denn Großes ist geschehen. Das Fingerhakeln und Kulissenschieben auf der vorolympischen Bühne zu München kann jetzt unter amtlichen Kennzeichen geschehen.

Terrorist im Deutschen Eck

Frisch verurteilt zu 30 Jahren Gefängnis, ausgesprochen im Berufungsverfahren des zweiten Mailänder „Sprengstoffprozesses“, bestieg er drei Tage später, am Samstag, dem 15.

Sieg der Gaullisten

Die beschwörenden Warnungen General de Gaulles vor einer kommunistischen Revolution haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Beim ersten Wahlgang zur französischen Nationalversammlung hat sich die „Partei der Angst“ gegen Kommunisten und Linksföderation durchgesetzt.

Nigeria: London vermittelt

Eine neue Gesprächsrunde zwischen der nigerianischen Zentralregierung und der abtrünnigen Ostregion Biafra über eine Beilegung des blutigen Bürgerkrieges hat der britische Staatsminister Lord Shepherd am Dienstag in London angekündigt.

Für die Zeit der Trennung

„Wir haben die Bundesregierung – was das innerdeutsche Verhältnis angeht – gefragt, ob sie bereit sei, ihrer berechtigten Ablehnung des Inhaltes jenes Vertrages, den der Ministerpräsident Stoph dem Bundeskanzler übersandt hat, einen Vertragsentwurf unserer Seite über die Regelung der innerdeutschen Beziehungen für die Zeit der Trennung gegenüberzustellen .

Italien: Leone hilft aus

Staatspräsident Saragat hat am Dienstag im Quirinal die Minderheitsregierung unter Senator Giovanni Leone vereidigt. Der 60jährige Rechtsprofessor hatte sich bereits nach den Wahlen 1963 als Nothelfer bewährt.

Pariser Schein-Fortschritte

Bei den Pariser Vietnamgesprächen glaubte Washington vorige Woche erste Anzeichen für „eine gewisse Bewegung“ in Richtung auf ernsthafte Verhandlungen zu erkennen.

Namen der Woche

Karl Hermann Knoke (59), bislang Botschafter der Bundesrepublik in den Niederlanden, wird Botschafter Pauls in Israel ab-Ösen.

Von ZEIT zu ZEIT

Der Ausgang der ersten Runde der Parlamentswahlen In Frankreich eröffnete den Saullisten mit ihrem überraschend eindeutigen Erfolg die Aussicht auf eine absolute Mehrheit in der neuen Nationalversammlung.

USA: Marsch ins Gefängnis

Aus dem „Marsch der Armen“ – vom ermordeten Negerführer Martin Luther King einst als mächtige Demonstration der Gehaltlosigkeit geplant, von dessen Nachfolger Abernathy mehr schlecht als recht durchgeführt – wurde zum Wochenbeginn ein Marsch ins Gefängnis.

Entflechtung bei Springer

Ein Knüller auf dem Pressemarkt: Axel Springer verkaufte fünf große Zeitschriften. Kurz nach der Vorlage des Günther-Kommissionsberichtes, der zur Sicherung der Pressefreiheit eine gesetzliche Begrenzung der Marktanteile einzelner Verlage empfiehlt hat Deutschlands größter Pressekonzern freiwillig Terrain aufgegeben.

SPD für Dreierwahlkreise

Die Wahlrechtskommission der SPD ist ein wankelmütiges Gremium. Anfang März empfahl sie der Partei ein Wahlsystem mit Viererwahlkreisen.

Ich und die Massenmedien

Ich möchte von den publizistischen Einbrechern berichten, die sich immer gewitzter einschleichen in mein Haus und mich belagern.

Keine Trauer an der Bonner Universität

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn gehört nicht zu den revolutionärsten Hochschulen der Bundesrepublik; in Frankfurt, Berlin oder Hamburg sind die Auseinandersetzungen härter und rücksichtsloser geführt worden.

Ein Viertel nur...

...aber immerhin ein Viertel der deutschen Professoren unterschrieben / Von Hilke Schlaeger

Lydia Schierning empfiehlt Schallplatten

Diese Violinsonaten haben noch nichts mit der klassischen Sonatenform zu tun; es sind Tanz- und Variationssätze, also: Suiten, virtuose Musik (Biber war der berühmteste Geigenvirtuose im 17.

FILMTIPS

„Die Braut trug Schwarz“, von François Truffaut. „Die Straße von Korinth“, von Claude Chabrol. „Ein Liebesfall“, von Dušan Makavejev.

Der Aufstand der Cinéasten

Wie auch die französische Mairevolution enden wird: die Cinéasten werden vom revolutionären Elan profitiert haben. Was in den letzten Wochen in Frankreich unter den Filmern erarbeitet, diskutiert, beschlossen worden ist, kann nicht in die Schubladen der Bürokratie verschwinden.

Kunstkalender

Eine geruhsame Station in diesem hektischen Kunstsommer, den Kunstreisenden, die sich zwischen Venedig und Kassel von Biennale und documenta bei Alter Kunst erholen wollen, dringend angeraten.

Keine Angst vor Patsy

In deutscher Textfassung von Wolfgang Ebert wurde eine amerikanische Farce vorgestellt, die das Zwerchfell reizt, während gleichzeitig ihre Sozialkritik an die Nieren geht.

ZEITMOSAIK

Einzelne Aufwiegler machen wenig Eindruck auf Gemüter, in denen nicht schon der Samen der Unzufriedenheit keimt; und also sind im ganzen nur mißhandelte und mißbrauchte Menschen zum Aufruhr geneigt, oder leicht dazu zu vermögen.

Von der Geschichte überholt

Zwischen Büschen und Bäumen verborgen eine alte Burgruine, Zelte, Lagerfeuer, eine Holzbühne: einmal im Jahr wird die Wandervogelromantik der Burg Waldeck im Hunsrück von Anhängern des Protest- und Folksongs durchbrochen, beim „Festival Chanson-Folklore-International“ – sehr zum Leidwesen der Nerother Wandervögel, die hier normalerweise ihre Idylle genießen.

Kongruenz statt Konkurrenz der Künste

Quer über die mit weißem Leinen ausgeschlagen Bühne eine zehn Meter lange und einen Meter hohe Wand, darauf, mit Hilfe von Spiralfedern befestigt, 800 Zahnräder diverser Größe.

Eine unheilbare Einsamkeit

Cesare Pavese, der sich vor achtzehn Jahren in einem Hotelzimmer in Turin mit Schlaftabletten das Leben nahm, wäre jetzt knapp sechzig Jahre alt – jünger also als Ungaretti und Montale, als Gadda, Pizzuto, Silone, Moravia, die so lebendig und bestimmend zur italienischen Literatur von heute gehören.

Der Zeichner Alfred Kubin

Dem Bücherfreund ist Alfred Kubin als ungemein fruchtbarer Illustrator von unverwechselbarem Kritzelstil bekannt. Sammler und Kupferstichkabinette bewahren seine Federlithographien und akribisch ausgeführten Handzeichnungen.

ZU EMPFEHLEN

ES ENTHÄLLT vierzehn fiktive Briefe eines der vielen deutschen Intellektuellen, die von den Ideen der Französischen Revolution begeistert wurden.

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