Zwei Auffassungen: Inseln der Ruhe oder Keimzellen der Empörung

Von Rolf Zundel

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn gehört nicht zu den revolutionärsten Hochschulen der Bundesrepublik; in Frankfurt, Berlin oder Hamburg sind die Auseinandersetzungen härter und rücksichtsloser geführt worden. In Bonn studieren viele Söhne höherer Beamter, die nicht so leicht von revolutionären Ideen angesteckt werden. Die Professoren sind in ihrer Mehrzahl konservativ gestimmt, ohne daraus einen Grundsatz zu machen.

Unausgesprochen teilen viele von ihnen immer noch den Wunsch, daß die Universität eine Insel der Ruhe sein möge. Sie wollen nicht in politische Händel verwickelt werden. Aufzufallen, gar in die Zeitung zu kommen, gilt als unfein. „Mit der Straße diskutiert man nicht“ – ist eine typische Reaktion solcher Professoren; es wird viel von „der Würde der Universität“, vom „Geist der akademischen Korporation“ gesprochen – einer Korporation, die sich als „gute Gesellschaft“ versteht. Wenn sich ein Professor für die linken Studenten einsetzt, kann er von seinen Kollegen den Vorwurf hören, ein Gentleman mache so etwas nicht.

Aus dieser Haltung entwickelt sich eine spezielle Technik für die Abwehr von Störungen: Unliebsame Probleme werden auf kleiner Flamme gekocht; direkte und harte Gegenaktion ist selten; Konflikte werden aufs Gleis formaler und juristischer Erörterungen geschoben, dort fühlt sich die gute Gesellschaft am sichersten. Auf diese Weise werden radikale Fragestellungen entschärft. Das öffentliche politische Engagement wird vermieden. Der Scheinfrieden bleibt erhalten. Heinrich Lübke und Karl Barth können beide gleichermaßen Ehrensenator der Universität sein.

NS-Gutachter als Richter

Heinrich Lübke hat die Bonner Universität viel beschäftigt. Noch ist die Affäre Faßbinder in Erinnerung. Der Bundespräsident hatte im Frühjahr 1967 dem „Friedens-Klärchen“, die sich politisch weit von der Bonner Norm entfernt hatte, die Annahme eines französischen Ordens unmöglich gemacht. Daraufhin richteten etwa achtzig Professoren der Bonner Universität, an der Klara Faßbinder promoviert worden war, einen Brief an Heinrich Lübke und baten, diese Entscheidung zu überprüfen. Ehrensenator Lübke ließ durch seinen Staatssekretär antworten: der Bundespräsident habe aus „wohlerwogenen Gründen“ die Ordensverleihung nicht befürwortet. Der damalige Rektor der Universität, Gassner, hatte versprochen, die Bitte der Professoren in einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten wirksam zu unterstützen. Von einem Erfolg dieses Gesprächs wurde nie etwas bekannt. Aber eine Zuspitzung des Konflikts war auf diese Weise vermieden worden.