Von Heinz Josef Herbort

Quer über die mit weißem Leinen ausgeschlagen Bühne eine zehn Meter lange und einen Meter hohe Wand, darauf, mit Hilfe von Spiralfedern befestigt, 800 Zahnräder diverser Größe. Hinter der Wand, in mausgrauen Trikots und maskiert, zwölf Wesen, halb Mensch, halb Tier. Weiter hinten und etwas erhöht eine andere Wand, drei auf vier Meter, bestückt mit 35 Kinderwagenrädern und Fahrradfelgen, an die Ketten und mit Schrauben gefüllte Blechdosen montiert und auf deren Speichen kleine Metallringe gezogen sind. Rechts und links je drei kastenförmige Blechroboter, auf ihrer Brust sind Tonbandgeräte sichtbar. Schließlich werden noch sechs aus Schrottblech, Spiralschläuchen und Chromkugeln zusammengeschweißte Stahlmenschen hereingeschoben. Die ganze Szene wird wechselnd beleuchtet, in verschiedenen Farben, ein Lichtballett mit immer wieder neuen optischen Wirkungen.

In der Mitte dieser mechanischen Welt auf einem Podest in strahlendrotem Gewand ein Mensch, ein saufender biblischer Fürst. Es treten auf drei Narren und fragen – ihre Stimmen kommen über Lautsprecher – in drei parallel geführten, über weite Tonräume gleitenden und etwas judaisiert klingenden Linien nach einem König. Wenn sich die pokulierende Gestalt als der Gesuchte zu erkennen gibt, jubelt per Lautsprecher ein mehrstimmig schnarrender, krächzender Chor, die Roboter bewegen sich dazu impulsartig, die zwölf Halbwesen heben die lange Wand um Zentimeter an und lassen sie ruckartig fallen, so daß die 800 Zahnräder auf den Spiralfedern tanzen – eine vielköpfige Schar gesichtsloser Höflinge nickt Zustimmung; die Fahrradfelgen und Kinderwagenräder beginnen, von einem Treibriemensystem in Bewegung versetzt, sich quietschend zu drehen, Ketten, Schrauben und Büchsen rasseln, klappern und scheppern – ein anonymer gleichförmiger Staatsmechanismus applaudiert dem absoluten Herrscher. Dazu ertönen vervielfältigte Stimmen und elektronische Glissando-Geräusche aus Lautsprechern sowie schlagende Akkorde aus dem Orchestergraben.

Auf dem Höhepunkt der Lärmorgie erscheinen an der Rampe zwei Gruppen graugrün verhüllter Frauen, die die Hände ringen und zum Himmel strecken, die jammern und klagen – die Mütter der von Herodes erschlagenen Kinder. Die drei Narren, ermüdet und enttäuscht, treten ab, der Lärm geht langsam zurück – Vorhang.

Dies ist eine von acht Szenen des Multimedia-Stücks „Die Geschichte von einem Feuer“, mit dessen Uraufführung am vergangenen Sonntag das Kieler Stadttheater die Diskussion darüber, ob denn nun die Oper tot sei, beleben und ein Team aus Dichter, Komponist und bildenden Künstlern eine „Amalgamierung bislang autonom nebeneinander stehender Künste“, deren „Kongruenz statt der Konkurrenz“ versuchen wollten. Lyrik, Gesang, Orchester, elektronische Musik, Ballett, Malerei, Plastik und Beleuchtung werden hier verschmolzen zu einer neuen Form eines „Gesamtkunstwerks“.

Initiator des Ganzen ist der aus Stolp gebürtige, heute in Bochum als musikalischer Leiter des Schauspielhauses fungierende Komponist und Dirigent Dieter Schönbach; seine Mitautoren: die Lyrikerin und Verlagslektorin Elisabeth Borchers und die „Objektgestalter“ Edmund Kieselbach, Otto Piene, Bernd Völkle und Günter Weseler.

Was die sechs herstellten, wollte zusammen eine Geschichte erzählen, wobei die Mittel sich nicht summieren, sondern einander durchdringen, ergänzen, ablösen und vervollständigen sollten. „Es ist“, sagt Schönbach, „wie wenn ein Zug über einen großen Rangierbahnhof fährt, wobei er abwechselnd durch Gleis eins, zwei, drei oder vier fährt.“ Der Zug: acht Bilder, abgeschlossene Situationen „im archetypischen Bereich der Menschheit“ – drei Menschen suchen in verschiedenen historischen Epochen das Gute, das Paradies auf Erden; sie suchen stets vergebens. Es suchen Frauen und Männer, Kinder auf Rollern und Strichmädchen, die Heiligen Drei Könige und Salondamen des fin de siècle. Immer erweist sich, daß das anfänglich Angenehme nur Fassade war, hinter der sich Gewalt und Verbrechen verbergen: Der freundliche Herodes tötete Kinder; die Kreuzritter wurden von Sarazenen erschlagen; die Kirche sprach Männer heilig, die Ketzer verbrennen ließen; und die modernen Manager, Revolutionäre und Dichter betreiben ihr Handwerk nur um seiner selbst und ihrer eigenen Person willen.