In Venedig wurde die 34 Biennale trotz allem eröffnet

Von Petra Kipphoff

No alla cultura opportunista“, „34e Biennale al Dollario“, „No alla Biennale capitalista“ – der deutsche Familienvater, der gerade seinen übermüdeten Nachwuchs die Riva degli Schiavoni in Richtung Markusplatz zerrte und gleichzeitig die Ehefrau beschimpfte, er mußte der Gruppe wandelnder Text-Plakate, die da auf ihn zukam, schon ein wenig Platz machen. Und das Megaphon, das die ausführlichere Interpretierung dieser und anderer Sprüche besorgte, übertönte ihn auch glatt. Komisch fand er das alles nicht, aber ein Blick in die Runde bestätigte ihm, daß die Sache des Tourismus der der Revolution mit 99 zu 1 überlegen war, und so beließ er es bei einem Kopfschütteln. Hätte er allerdings am Zeitungskiosk eine Frankfurter Allgemeine Zeitung gekauft, dann wäre er bei der Lektüre der Überschrift „Venedig – ein zweites Saigon?“ vielleicht doch ein wenig ins Zittern geraten.

Das venezianische Duell um die Biennale fand zwischen zwei Gegnern statt, die beide nicht satisfaktionsfähig waren. Die Stadtväter, durch Invasionsandrohungen rechtzeitig gewarnt, hatten sich auf etwaige Vorkommnisse mit einigen tausend Soldaten und Polizisten (mit und ohne Dienstkostüm) präpariert – ob es nun 6000 oder 1500 waren, darüber gingen die Meinungen der studentischen Flugblätter und die der lokalen Presse auseinander.

Zwar boten die Soldaten, solange sie sich nur unter den blühenden Oleanderbüschen der Giardini räkelten und die Kieswege entlangschlenderten, ein Tableau, das eines Carpaccio würdig gewesen wäre.

Aber die Herren konnten auch anders: Sie konnten, wenn einer auf der Uferpromenade, die entlang den Giardini zum Biennale-Eingang führt, stehenblieb, um einen Bekannten zu begrüßen, höchst barsch zum sofortigen Weitergehen auffordern, und sie konnten bei der abendlichen Demonstration auf dem Markusplatz höchst effektvoll die Gummiknüppel bedienen, nachdem das dreifache Trompetensignal zum Einsatz geblasen hatte. Und wen sie dann trafen, das war ihnen egal.

Den Studenten wiederum fiel in den Diskussionen und Versammlungen auch nicht mehr ein als das, was schon auf den Spruchbändern und Flugblättern zu lesen stand: Schlagwörter und forsche Klischees, die einem zweiten Blick nicht standhalten. Dabei hätten sie, die in dieser Woche den 100. Tag der Besetzung der Academia dell’Arte feierten und denen es gar nicht nur um die Biennale ging, sondern um ganz konkrete Fragen ihrer Ausbildung, ja durchaus Gesprächsstoff und Argumente gehabt. Aber so, wie sie auftraten, boten sie wenig Anlaß, als Diskussionspartner ernst genommen zu werden.