Von Heinz D. Stuckmann

Egon Graf von Westerholt kämpft seit sieben Monaten um das Recht, in seinem eigenen Wald Löwen, lebendige Löwen, brüllen zu lassen. Aber Rat und Verwaltung der Stadt Gelsenkirchen, die – wie der Graf sehr richtig meint – von Löwen nichts verstehen, mußten sich die Sache erst einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen. Löwen sind, soweit die Chronik reicht, an der Ruhr noch nie umhergelaufen. Dennoch entschied sich der Rat der Stadt am 9. April 1968 mit 30 gegen 10 Stimmen für die Löwen.

Am 25. Juli wird es nun soweit sein: Im gräflichen Wald im Gelsenkirchener Vorort Buer – nach Egon Graf von Westerholt der „größte und schönste Wald zwischen Dortmund und Duisburg“ – wird Löwengebrüll erschallen. Eben sind die letzten Vorbereitungen in Gang. Rund 100 Morgen des 600 Morgen großen Waldes werden mit zwei Zäunen von drei und vier Meter Höhe umgeben. Durch den Wald wird eine 3500 Meter lange und 5,50 Meter breite Serpentinenstraße gebaut, deren Schleifen 50 bis 80 Meter voneinander entfernt sind. Und in der vorletzten Juliwoche, wenn alles fertig ist, kommen die 40 Löwen, die bei der Firma L. Rohe, Import exotischer Tiere und demnächst Teilhaber am Westerholter Löwenpark, schon ungeduldig auf den demnächst immer blauen Himmel der Ruhr warten (am Ende der Ruhr-Krise).

Die Straße wird indes nicht für die Löwen gebaut, sondern für die Menschen von Rhein und Ruhr. Die sollen mit ihren Autos über eine neue Zufahrtstraße an den Zaun rollen und zehn Mark pro Wagen bezahlen, „egal wie viele Personen in dem Wagen sitzen“ (Graf Westerholt). Dann öffnet sich durch elektrische Energie das erste Schleusentor, das in den Zaun eingebaut ist. „Das zweite Schleusentor öffnet sich nur dann, wenn das erste geschlossen ist.“ Schließlich darf man auf die 3,5-Kilometer-Einbahnstraße hinausfahren, wo unter mehr als hundertjährigen Eichen und Buchen die Löwen Spazierengehen, wenn sie nicht gerade schlafen. Man darf filmen und photographieren und all das betrachten, was selbst in Afrika nur noch selten zu sehen ist: das Löwenleben. Und wenn man genug davon hat, darf man das tun, was den Löwen verwehrt ist: durch zwei Schleusentore am Ende der Straße in die Freiheit rollen. In einem Monat ist es soweit.

Dennoch ist Graf Westerholt verärgert. Wäre die Stadt nicht so störrisch gewesen, dann hätte er den ersten Löwenpark auf deutschem Boden fertiggestellt. Was ihn anbetrifft: Er hat sich gründlich auf seine schwierige Aufgabe vorbereitet. Er ist nach England gereist und hat den ersten europäischen Löwenpark genau studiert, den Löwenpark von Longleat, mit dem der Marquess of Bath seinen Lebensunterhalt verbessert. Auch der Herzog von Bedford wird demnächst auf seinem Besitz Woburn Abbey Löwen aussetzen. Von England brachte Graf Westerholt nicht nur die Erfahrung, sondern auch einen weiteren Teilhaber und drei Löwen-Wärter mit. Aber die an der Ruhr, die von Löwen gar keine Ahnung haben, wollten nicht, wie Westerholt wollte. Einmal war es die Naturschutzbehörde, die dem Grafen die Löwen streitig machen wollte: Löwen machen Forstschäden; Rot- und Damwild müsse in den Park. Graf Westerholt weiß es genau: „Rot und Damwild machen Schaden. Löwen nicht.“ Dann war es wieder die Straßenbaubehörde, die den wilden Tieren den Platz an der Ruhr streitig machen wollte: Wegen einer dummen Umgehungsstraße geriet das Projekt ins Wanken. Mit Recht klagt der Graf: „Die gehen mit einem um wie in der Ostzone...“

Durch ihre Uneinsichtigkeit haben sich die Gelsenkirchener Stadtväter nun selbst um den Ruhm gebracht, den ersten deutschen Löwenpark zu besitzen. Der Puppenfilm-Fabrikant Richard Schmidt und der Märchenwald-Besitzer Gottlieb Löffelhardt kamen Graf Westerholt zuvor: Seit dem 31. Mai schon tummeln sich ihre 32 Löwen im Selfkant, einem Gebiet nördlich von Aachen, nahe der holländischen Grenze – eine wahrhaft aufregende Sache. Zwar ist das Areal nur 60 Morgen großaber dafür wird für zehn Mark pro Auto auch noch etwas ganz Besonderes geboten: Die Gitterschleuse in Tüddern/Selfkant bewachen vier ehemalige Soldaten König Husseins „mit scharfgeladenen Gewehren“. Und auch im Inneren ist für Sicherheit gesorgt: Herbert Meyer, gelernter Autoschlosser und jetzt Wildhüter in Tüddern, trägt an seinem Gürtel eine 45er Smith-&-Besson-Pistole mit 32 Kugeln – für jeden Löwen eine ...“ So kann dort nie passieren, was am 29. Mai im Löwenpark Arnheim (eröffnet am 14. 5. – „erster Löwenpark der Niederlande“) – geschah: Der finnische Totrist J. Kothenen kurbelte das Wagenfenster herunter, weil die Löwen so zutraulich waren. Da schlich sich von der Seite eine Löwin heran und zerrte den Leichtsinnigen ins Freie. Ein Rudel von vier Tieren schleppte den Finnen mit vereinten Kräften in den Wald. Die Wärter – offensichtlich nicht mit 45er Smith-&-Bessons ausgerüstet – schlugen die Löwen mit Feuerlöschern in die Flucht.

Arnheim, Tüddern, Westerholt, Wobürn Abbey, Longleat, Schloß Thoiry bei Paris... Der Schreck von Arnheim, die Beamten von Gelsenkirchen – das sollte nicht vom Wesentlichen ablenken. Kein Platz für wilde Tiere? Wir haben Platz für wilde Tiere: im Tiergarten von Berlin, in Planten und Blomen zu Hamburg, im Hofgarten von Würzburg, im Schloßpark zu Brühl und in Bonn auf dem Venusberg, im Kölner Grüngürtel, im Englischen Garten von München und im Stadtwald von Essen... Besonders dem Ruhrgebiet müßten die Löwen neuen Aufschwung bringen, und die Umschulung zum Tierwärter könnte neue Arbeitsplätze schaffen.

Wenn wir so zielstrebig voranschreiten und den wilden Tieren Platz schaffen, dann kann der Tag nicht mehr fern sein, wo sich auf deutscher Erde – ohne Kolonien – mehr Löwen tummeln als in ganz Afrika. Und die Natur hilft mit: „Jedes Löwenweibchen kann pro Jahr bis zu vier Junge werfen sagt Löwen-Fachmann Graf Westerholt.