Heinrich Ignaz Franz Biber: „Rosenkranz-Sonaten“; Melkus, Dreyfus, Rogg, Scheit; Deutsche Grammophon Gesellschaft 198422/23, 50,– DM

Diese Violinsonaten haben noch nichts mit der klassischen Sonatenform zu tun; es sind Tanz- und Variationssätze, also: Suiten, virtuose Musik (Biber war der berühmteste Geigenvirtuose im 17. Jahrhundert). In der Generalbaßbegleitung setzen Orgel, Cembalo, Laute, Violine und Fagott die Farbtupfer, beim Soloinstrument selber spielt die Scordatur eine Rolle, nämlich die verschiedene Stimmung der Geige: Der Komponist verlangt, daß in jedem Stück die Saiten in einem anderen Abstand – in Terzen, Quarten, Quinten oder Oktaven – gestimmt werden.

Johannes Brahms: „Klavierkonzert Nr. 1 d-moll“; Daniel Barenboim, New Philharmonia Orchestra London, Leitung: Sir John Barbirolli; Electrola SME 91 687, 25,– DM

An das von jugendlichem Feuer erfüllte Brahms-Konzert pflegen heute junge Pianisten ein neues Maß zu legen. Was hat sich verändert? Das eruptive Element und die Sprödigkeit, die man früher zu hören gewohnt war, sind einer klaren thematischen Arbeit und einer neuen Poesie gewichen. Statt des ungezügelten Ausbruchs regiert das Maßvolle. Das Rubato – das kunstvolle Verzögern des Tempos – ist fast ganz verschwunden, dafür ist die Dynamik expressiver geworden. Die einzige Stelle, die dem Pianisten wider die Partitur geriet, ist die im Piano, fast impressionistisch gespielte Kadenz im dritten Satz.

Claude Debussy: „La Mer / Préludes à I’aprèsmidi d’un Faune / Jeux“; New Philharmonia Orchestra, London, Leitung: Pierre Boulez; CBS 72 533, 25,– DM

Boulez sieht Debussy als Vertreter der Avantgarde, von heute aus. Die Klangfarbe ist auch ihm das Wichtigste, doch ist sie für ihn weit entfernt vom sogenannten impressionistischen Zauber. Boulez zeichnet die Farblinien in ihren vielfältigen irisierenden Fluktuationen ganz klar. Der Rhythmus wird zu einem einheitlichen Grundtempo vereinfacht; die gelegentlich auftretenden rhythmischen Kontrapunkte allerdings werden bei Boulez zu kleinen Kabinettstückchen.

Johann Christian Bach: „Sechs Bläser-Sinfonien“; Londoner Bläser-Solisten, Leitung: Jack Brymer; Teldec SXL 21176-B, 21,– DM

An Johann Christian Bachs „Sinfonien“, die vielmehr Divertimenti sind, bestechen die einfachen Melodien und die fundierte Satztechnik. Sie müssen freilich so natürlich und dynamisch abwechslungsreich gespielt werden wie von diesen Musikern.