Bericht aus einem geschlossenen Heim

Von Gisela Stelly

Der Pförtner sah kurz in den Wagen, dann nickte er. Wir fuhren weiter. „Ich freue mich immer, wenn ich hierher komme“, sagte die Sozialarbeiterin und sah an den zweigeschossigen Backsteinhäusern vorbei in die Baumkronen, „die Umgebung ist so schön hier.“

Die Umgebung, das sind die Bäume und der Rasen, die Sandwege und die Hecken vor dem etwa zweieinhalb Meter hohen, stabilen Drahtzaun um die sechs Häuser der „Anstalten Farmsen“. Frau M. ist ungefähr vierzig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren Sozialarbeiterin (die Bezeichnung „Sozialfürsorgerin“ ist behördlich abgeschafft worden). Sie hatte mich zu einem ihrer wöchentlichen Besuche in Haus 6 mitgenommen.

Haus 6 ist das geschlossene Heim für gefährdete minderjährige Mädchen. Ich wollte wissen, was das ist: ein gefährdetes Mädchen. Frau M. sagte, daß ihr diese Bezeichnung nicht gefalle. Herr K., ein Leiter der Anstalt, gab Auskunft: „Das sind Mädchen, die nicht für sich sorgen können, die sich herumtreiben, nicht arbeiten.“ Später, als er mir die „Anlagen“ zeigte, wies er mit dem Kopf in Richtung einer etwa Zwanzigjährigen, die hinter einer elektrischen Wäschemangel stand, und flüsterte mir zu: „Das da ist ein stark gefährdetes Mädchen.“

Das Mädchen war bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr der Jugendbehörde nicht aufgefallen. Es hatte zwei Jahre bei einer Familie gearbeitet und gelebt, den Haushalt gemacht und die Kinder mit betreut; es war selbst ein Teil dieser Familie geworden, und es mochte die Familie.

Bei den Eltern zu Hause, da war es schwierig gewesen. Und als die Familie ins Ausland ging und das Mädchen mitnehmen wollte, forderte der Vater die Tochter zurück, für das eigene Zuhause und dann auch für das eigene Bett. Da ging es bergab mit dem Mädchen, bis zur Prostitution.