Sie kamen in der Dämmerung. Eben hatten sie die furchtbare Nachricht im Fernsehen vernommen – da gingen sie auf die Straße: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Hausbesitzer, Friseure, Offiziere, Staatsanwälte, Arbeiter, ganze Altersheime. Niemand hatte es ihnen sagen, niemand ihnen befehlen müssen – da war alles spontan, unorganisiert.

Sie kamen zu Fuß, im Wagen, mit dem Fahrrad, mit dem Flugzeug. Zu Hunderten, zu Tausenden, zu Millionen. Sie wußten nicht genau, was sie wollten. Aber sie wußten genau, was sie nicht wollten. Und sie kannten ihr Ziel: Das Herz des Gegners – die Funkhäuser.

In Hamburg warfen sie Antennen auf die Straße, in Köln warfen sie Programmgestalter auf die Straße, in Mainz warfen sie ihre Geräte auf die Straße, in Stuttgart warfen sie Mikrophone auf die Straße, in Frankfurt sperrten sie den Intendanten in sein Büro ein, in Bremen banden sie Ansagerinnen mit Tonkabeln an ihren Stühlen fest, in Baden-Baden wurde der Sender in Wildwestfunk umbenannt und die dazugehörige Hans-Bredow-Straße in Alfred-Hitchcock-Straße. Es war eine Revolution. Eine deutsche Revolution. Sie dauerte einen Tag.

Die „deutsche Revolution“ fand an einem Donnerstag statt. Noch heute fragen sich die Historiker, wie es so weit kommen konnte, daß deutsche Bürger, denen sonst Ruhe und Ordnung über alles geht, dazu gebracht werden konnten, wegen einer Fernsehsendung in Massen zu protestieren, zu demonstrieren, dieses Land an den Rand eines Bürgerkrieges zu treiben, um das herrschende System zu beseitigen.

Heute können wir, aus der geschichtlichen Distanz, feststellen: Der auslösende Anlaß war nur der bekannte Funke am Pulverfaß. Da hatte sich viel Groll angestaut, von dem wir heute wissen, daß er nicht unberechtigt war. Da war Mißbehagen entstanden aus Langeweile. Allzulange hatte eine verkrustete Bürokratie in autoritärer Weise den Willen des Volkes mißachtet, war mit dem Programm nach Gutdünken geschaltet und gewaltet worden.

Dabei hatte es Alarmsignale, Warnungen genug gegeben, an denen abzulesen war, daß die Zeichen auf Sturm standen. Liefen nicht schon im August die Telephondrähte heiß, als der Millowitsch-Abend wegen einer Bundestagsdebatte verschoben wurde? Hatte es nicht Morddrohungen gegeben, als die Europapokal-Übertragung Bayern München – Benfica wegen einer Wahl-Sondersendung ausfiel? Hatte man daraus nicht gelernt – an jenem Donnerstag, als man den fatalen Entschluß faßte, den Sonderbericht von den revolutionären Unruhen in B. zu senden, und statt dessen die viel wichtigere letzte Folge des Durbridge-Krimis ausfallen zu lassen? Waren die herrschenden Kreise in den Funkhäusern da nicht einfach von einem falschen Sendungsbewußtsein ausgegangen?

An jenem Abend, als die Rebellen unter Führung von Oberstudienrat Bleichenwang die Funk- und Fernsehstudios besetzten, sah es ganz so aus, als ob die Revolution gesiegt hätte. Als aber kurze Zeit darauf der „Goldene Schuß“ mit Vico Torriani abgesetzt wurde, um eine Direktsendung von der Unterzeichnung des Vietnam-Friedensvertrages zu bringen, mußte man zu der tragischen Einsicht kommen: Wieder einmal hatte in Deutschland die Konterrevolution gesiegt!