Von Werner Höfer

„...so habe ich mich denn umfunktioniert.“ Mit parodistischer Zungenfertigkeit benutzt Günter Grass das Transitivverbum aus dem Wortschatz der Anarchosoziologen, um einen Wechsel des Themas zu begründen. Er hatte dem Sozialdemokratischen Hochschulbund an der Universität Bochum eine „Lektion Prag“ versprochen. Nachdem er aber von einer Reise nach Prag (und Karlsbad) zurückgekehrt war („... dort ist es jetzt ruhiger als in Berlin...“), schien ihm angesichts der Entwicklung in der Bundesrepublik eine Philippika gegen die „angelesene Revolution“ dringlicher. Den Elan ihrer Anhänger möchte er auf konkrete Alternativen lenken. Was er zu befürchten scheint und verhindern möchte: daß nach zu hoch angesetzter Begeisterung der Studentenprotest in den apolitischen Zustand früherer Jahre zurückfalle oder aber in eine „Brot-und-Butter-Politik à la Rehwinkel“ einmünde.

Progressive Möglichkeiten möchte der Schriftsteller zeigen – Möglichkeiten, die sich weithin mit den Vorstellungen decken, wie sie der SPD-Vorsitzende und Bundesaußenminister vertritt „...und wie ich sie verteidige. Wer jetzt seinen politischen Kredit nicht verspielen will, darf nicht hinter Utopien herjagen, sondern muß sich an die gegebenen Alternativen halten.“

„Was jetzt im Berlin-Verkehr geschehen ist, wird uns noch oft passieren, wenn wir immer nur reagieren auf das, was sich Walter Ulbricht einfallen läßt.“

„Mithin wäre Agieren die Alternative zu Reagieren?“

„In der Tat! Wir sollten in Aussicht stellen, daß wir unseren Alleinvertretungsanspruch aufgeben und die DDR anerkennen – unter bestimmten Bedingungen. Wir sollten den SED-Chef beim Wort nehmen, wenn er seine DDR als einen Staat deutscher Nation bezeichnet. Die Berufung auf die deutsche Nation würde verhindern, daß die beiden deutschen Staaten sich als Ausland zu betrachten hätten.“

„Welchen Platz nimmt in Ihrem Konzept eines konföderierten Doppelstaates deutscher Nation Berlin ein?“