Das ist der freilich subjektive Bericht eines Norddeutschen, dessen Kinder in München zur Schule gehen. Wir drucken ihn, weil er, kurz vor dem Volksentscheid über die Gemeinschaftsschule in Bayern, durchaus des Nachdenkens wert ist.

Meine Tochter Katja saß in der Badewanne und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Glaubst du, Papi, daß ich schwarze Flecken auf dem Herzen habe?“ fragte sie zögernd. Der Sinn dieser sonderbaren Frage war mir unklar, vage assoziierte ich „Schatten auf der Lunge“.

„Wie meinst du das, Katja?“ fragte ich. „Ja weißt du, unsere Lehrerin hat gesagt, daß die meisten Menschen schwarze Flecken auf dem Herzen haben und daß nur der reine Himmelsquell sie fortwaschen kann. – Papi, ob bei mir manchmal der reine Himmelsquell kommt?“

Die schwarzen Flecken belasteten die Siebenjährige sichtlich, mich machten sie betroffen. Wie war es möglich, daß man im Jahre 1968 in der Großstadt München Kindern so etwas erzählte, dazu offenbar in einer Form, daß den Kleinen angst und bange werden mußte? Die Antwort bekam ich nach einiger Zeit des Hierseins: In Bayern ist, was die religiöse Erziehung der Kinder angeht, alles möglich und vieles üblich, wovon sich ein Norddeutscher, auch ein norddeutscher Christ, nichts träumen läßt. Mit den Realitäten, die uns umgeben, und mit der viel erwähnten Pluralität unserer Gesellschaft verträgt sich da vieles nicht, auch wird das Grundgesetz, das Kindern wie Erwachsenen den Schutz ihrer Individualität und Entfaltungsfreiheit garantiert, mitunter keineswegs respektiert.

Nun ist es hinlänglich bekannt, daß in Süddeutschland die Besetzung eines Postens oftmals mehr vom Glaubensbekenntnis eines Bewerbers beeinflußt wird als von seiner beruflichen Qualifikation. Daß dies nichts weiter als die natürliche Folge einer unnatürlichen Erziehung ist, geht einem dann auf, wenn man, wie wir, mit zwei schulpflichtigen Kindern von Norddeutschland nach Bayern umgezogen ist.

Früher war mir der Witz von dem Berliner Ferienkind in Bayern zwar komisch, aber übertrieben vorgekommen. Auf die Frage „Es hat rötliches Fell, einen langen buschigen Schwanz und springt von Baum zu Baum – was ist das?“ hat es keß geantwortet: „In Berlin würde ick ja sagen, es is’n Eichhörnchen, aber wie ick den Betrieb hier kenne, isset det liebe Jesulein.“ Lernt man „den Betrieb“ selber kennen, dann erfährt man sehr bald, daß Religionsfragen tatsächlich omnipräsent sind.

Vor der Schule, in der wir gerade unsere Kinder anmelden wollten, hockten zwei vielleicht achtjährige Buben auf einer Balustrade und unterhielten sich. „Ich freu’ mich schon, wenn der Pepperl kommt“, hörte ich den einen sagen. Darauf der andere: „Der Pepperl kommt doch gar nicht in unsere (Gemeinschafts-)Schule – der soll in die katholische Schule, weil er katholisch ist.“