Die beschwörenden Warnungen General de Gaulles vor einer kommunistischen Revolution haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Beim ersten Wahlgang zur französischen Nationalversammlung hat sich die „Partei der Angst“ gegen Kommunisten und Linksföderation durchgesetzt. Die auf dem Höhepunkt des Streiks und der Barrikadenkämpfe am 30. Mai verfügte Parlamentsauflösung hat sich damit als glänzender Schachzug des Generals erwiesen.

Die „Union zur Verteidigung der Republik“ (UDR), der orthodoxe Gaullisten und unabhängige Republikaner angehören, gewann auf Anhieb 148 der 487 Wahlkreise. Die UDR steigerte ihren Anteil an den 28,3 Millionen Wählerstimmen im Vergleich zur letzten Wahl vor 15 Monaten um fast sechs Prozent (von 37,75 auf 43,65 Prozent). Sie erreichte damit bereits drei Fünftel ihrer alten Fraktionsstärke in der Nationalversammlung. Von den 28 Ministern des Kabinetts Pompidou, die – außer Kultusminister Malraux – alle kandidiert hatten, wurden bisher 20 gewählt.

Eine empfindliche Schlappe mußten die KPF und die Linksföderation hinnehmen. Beider Stimmen an teil ging um mehr als zwei Prozent zurück. KP-Chef Waldcck-Rochet konnte sich schon im ersten Wahlgang durchsetzen, doch wurde die „staatstragende Rolle“ der Kommunisten während der Unrubem im ganzen nicht honoriert. Mitterand, Mölln und andere Führer der Linksföderation müssen sich am kommenden Sonntag der Stichwahl stellen.

Einzige Gewinner neben der UDR waren die Vereinigten Sozialisten (PSU). Sie hatten sich auf die Seite der revolutionären Kräfte gestellt. Erfolg: Sie gewannen 1,7 Prozent.

Zwischen den beiden gewaltigen Rechts- und Linksblöcken von je 40 Prozent, die Frankreich in zwei Lager spalten, wurde die bürgerliche Mitte, das „Demokratische Zentrum“, weiter zerrieben. Sie verlor fast 2,5 Prozent ihrer Stimmen.

Trotz ihres Anfangserfolges geben sich die Gaullisten noch nicht siegesgewiß. Regierungschef Pompidou richtete einen Appell an die Politiker der Regierungsparteien, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Er erinnerte an das vorige Jahr, als der nach dem ersten Wahltag sicher geglaubte Sieg im zweiten Wahlgang fast wieder verlorenging. Damals konnten die Gaullisten in der Nationalversammlung nur eine Mehrheit von einer Stimme ergattern.

Kommunisten und Gaullisten sammelten Mitte der Woche ihre Kräfte zum entscheidenden Zweikampf. Im zweiten Wahlgang gelten die Kandidaten als gewählt, die in ihrem Stimmbezirk eine einfache Mehrheit erringen toter Wahlgang: absolute Mehrheit). Linksföderation und KP haben verabredet, jeweils demjenigen ihrer Kandidaten den Vortritt zu lassen, der gegen seinen gaullistischen Rivalen die größten Chancen hat.