K. G., München

Frisch verurteilt zu 30 Jahren Gefängnis, ausgesprochen im Berufungsverfahren des zweiten Mailänder „Sprengstoffprozesses“, bestieg er drei Tage später, am Samstag, dem 15. Juni, den fahrplanmäßigen gelben Postbus mit dem österreichischen Wappen, um von Lofer über das bayerische Schneizlreuth nach Salzburg zu fahren. An die fünfzigmal hatte er in den vergangenen Jahren diese durch das sogenannte „Deutsche Eck“ führende kürzeste Austria-Verbindung zwischen Innsbruck und Salzburg benutzt; sie erspart 94 rein österreichische Straßenkilometer.

Am Schlagbaum kurz vor Salzburg, als der Bus bayerischen Boden wieder verlassen wollte, geschah das Ungewöhnliche. Zwei bayerische Grenzpolizisten stiegen in das österreichische Fahrzeug und fragten nach einem gewissen Dr. Burger. Dieser Dr. Burger war nur nach sanfter Gewaltanwendung bereit, den Omnibus zu verlassen; er versuchte noch vergeblich einen Ausbruch, um den nahen Heimatboden zu erreichen – aber drei Stunden später schloß sich hinter ihm der Riegel im Münchener Gefängnis Stadelheim.

So schildert der ehemalige Innsbrucker Universitätsassistent, Diplom-Volkswirt Dr. Norbert Burger, seine Festnahme. Er wußte, daß im Bayerischen ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Deshalb erkundigte er sich bei seinen Landsleuten vom Postbus auch stets, ob sie ihn garantiert sicher über die achtzehn weißblauen Kilometer bringen würden. Ohne es genau zu wissen, versicherten die Chauffeure, der Bus sei exterritorial. Und das glaubten auch viele Österreicher. Denn die erste Reaktion im Nachbarland war scharf. Man sprach von Übergriffen der deutschen Behörden, eine Salzburger Zeitung von „Kidnapping“, und der Betroffene betrachtete sich in der ersten Erregung als typischen Fall von Menschenraub.

Wegen der 17.-Juni-Stille war das bayerische Innenministerium einen Tag im Hintertreffen, ehe es „mit Nachdruck“ mitteilte, daß das 1967 in Kraft getretene Abkommen mit Österreich nur gewisse Erleichterungen im Durchgangsverkehr schaffe, Hoheitsrechte der deutschen Polizei seien jedoch nicht eingeschränkt worden. In der Tat brauchen Benutzer des grenzüberschreitenden Lofer-Salzburg-Busses keinen Paß, Burger wurde schon bei der Einreise von einem bayerischen Polizeibeamten schlicht „erkannt“. Von Exterritorialität aber steht nichts in dem Abkommen.

Die Umstände der Festnahme scheinen indes gar nicht mehr so gravierend, von einer Klage bei der Menschenrechtskommission ist keine Rede mehr. Genug des ersten Wirbels. Der Südtirol-Extremist, der sich selbst als führender Kopf des bombenlegenden und mordenden „Befreiungsausschusses Südtirol“ bezeichnet, hat durch seine Anwälte 100 000 Mark Kaution geboten – er hat in einer Erbengemeinschaft größeren Besitz in Österreich – und mit Andreas-Hofer-Stolz erklärt, daß er bereit ist, einen Prozeß in München durchzustehen. Inzwischen wurde er, gegen die hohe Kaution, auf freien Fuß gesetzt, mußte jedoch seinen Personalausweis abgeben und sich verpflichten, jede Woche vor der Polizei zu erscheinen.

Der Haftbefehl des Amtsgerichts München vom Jahre 1964 zählt auf: Verdacht der Geheimbündelei, Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz, Vergehen gegen das Ausländergesetz, Aufforderung zu strafbaren Handlungen. Die Justizpressestelle ergänzte Anfang dieser Woche: „Möglicherweise kann noch was dazukommen.“ Doch allzu glücklich kann man über diesen Fang nicht sein. Einerseits wird südlich des Brenners die bayerische Landeshauptstadt immer wieder als eines der Terroristenzentren apostrophiert, andererseits war Burger schon einmal – im Mai 1963 – in München festgenommen und 14 Tage später mangels ausreichender Beweise wieder freigelassen worden.