Der SED-Chef deutet an, daß in Prag der Bonner Strategie ein erster Erfolg gelungen ist: "Wenn jemand noch fragt, warum sich die westdeutschen Imperialisten so sehr für die Vorgänge in der Tschechoslowakei interessieren, dann scheint die Sache doch ganz klar zu sein."

Ulbricht muß an der deutschen Grenze jetzt auch die zweite Front aufbauen – gegen die Prager Reformer und damit die Progressiven in den eigenen Reihen. Er und die Sowjets brauchen die Bundesrepublik als revanchistisches Schreckgespenst zur Zeit nicht so sehr, um den militärischen Zusammenhalt im Ostblock zu sichern, sondern vor allem, um der Demokratisierung entgegentreten zu können.

Denn gegen die Forderung nach sozialistischer Demokratie haben die deutschen Stalinisten nur ein wirksames Argument: der sich verschärfende Klassenkampf in Deutschland erlaube keine Experimente, mache die "Diktatur des Proletariats" auch nach zwanzig Jahren noch notwendig. Die Spannung in Deutschland aufrechtzuerhalten, ist damit mehr denn je ein innenpolitisches Postulat der in Ostberlin regierenden Bürokratenclique. Ob Ulbricht sein riskantes Spiel auf die Dauer gelingt, wird nicht zuletzt freilich von der Glaubwürdigkeit der Bonner Politik abhängen.