Aus unterdrückter Unruhe in entrückende Unruhe zu gelangen, scheint mir eine der untergründigen Funktionen des Reisens.

Wer die komplexen Motive bei sich selbst erforschen will, müßte die Lust auf Abenteuer gestehen, die Hoffnung auf Überraschungen und die Erwartung, dem Ungewissen als einer Art Fingerzeig des Schicksals zu begegnen.

Zugrunde liegt auch oft die quälende Vision der Fremde, des unerhört Fremdartigen, Unbekannten. Die Verkehrsnetze des Alltags sind allzu bekannt. Wer ein Jahr lang spart, um reisen zu können, erinnert an einen in der Zelle Eingesperrten, der seinen Ausbruch geduldig, gründlich, mit Ausdauer und nicht ohne Entbehrungen vorbereitet. Der erfolgreiche Ausbrecher wird später eingefangen und in die Zelle zurückgebracht, was ihn nicht hindert, von neuem einen Ausbruch zu planen...

Die Faszination des Fremdartigen wird nicht erlebt, wenn der Reisende nicht entschlossen ist, sich draußen verwandeln zu lassen, eine Zeitlang ein Fremder zu werden vor sich selbst. Das Kalender-Ich sollte er zu Hause lassen, vorgefaßte Ansichten abstreifen, um nur noch der Erwartung sich auszuliefern und fortan auf alles, und das bedeutet auf nichts mehr, gefaßt zu sein...

Wer draußen Mängel beanstandet, ist nicht in der Fremde angekommen. Wer durch liebgewonnene Vorurteile hindurchblickt, sieht nicht das Andersartige fremder Himmelsstriche, wird nicht verführt, sich im Unterwegs zu verlieren.

Von Quartal zu Quartal ist uns, zu Hause, die Zukunft nicht allzu undeutlich und damit nicht allzu fern. Das Reisen in fremde Länder bedeutet somit – da es Zukunft ohne Ferne nicht gibt – das Betreten einer unmittelbaren (räumlichen) Zukunft. Das Nichtdagewesene wird als Gegenwart erfahren.

Schauen ist ein Grundmotiv. Im afrikanischen Busch, im Regenwald der Elfenbeinküste ließ ich mich von der tropischen Farbigkeit und Fülle befremden und beunruhigen, nicht ohne Genugtuung und Genuß. Ich litt angesichts der strotzenden, wuchernden, verschwenderischen und unmäßigen Pflanzengebilde, ich litt unter der Riesenhaftigkeit der Bäume, die man mir als Sibo bezeichnete, als Makoré, Aboudikro und Baobab (Affenbrotbaum). Ich litt an der Fremdheit und an der Gigantenhaftigkeit der Tropen, und somit erlebte ich sie. Der sogenannte Wissensdurst entfiel, und ich fand mich mit dem Klang von Baumnamen zufrieden. Anschauung: Das Baumbild nähert mich dem Baumwesen, seiner Aura. Wissen entfernt vom lebendigen Augenblick, Erklärungen sind nicht erschaute Bilder.