Paris, Ende Juni

Ob es Angst war oder ob man es mit Premierminister Pompidou Abscheu nennen will, was 1,2 Millionen neuer Wähler ins gaullistische Lager trieb – der erste Wahl-Sonntag hat eine neue Lage geschaffen. Der zweite Wahlgang mag diesen Eindruck in gewisser Weise korrigieren; er wird es wahrscheinlich tun. Doch kann er die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die impulsive Reaktion der Franzosen auf das, was sie im Mai erlebten, der Ruf nach Ruhe und Ordnung war.

Der Reflex der Angst oder des Abscheus auf die Revolten im Mai war keineswegs in ganz Frankreich einheitlich stark. Am kräftigsten wirkte er sich in den Landbezirken aus. In manchen Wahlkreisen sah der gaullistische Abgeordnete seine Wählerschaft um 50 Prozent vermehrt. Am wenigsten äußerte sich der Reflex in Paris. Dabei hatte die Hauptstadt doch alles am unmittelbarsten erlebt. Aber hier haben die Gaullisten kaum Stimmen gewonnen. Die Verluste der Linken freilich waren noch stärker als sonst, nicht zuletzt in den Industrie-Vororten. Das bestätigt nicht die Theorie der Angst und wohl auch nur sehr begrenzt die des Abscheus. Daraus spricht viel eher die Enttäuschung, mit der sich die französische Linke nach diesem Wahlgang auseinandersetzen muß.

Es ist eine vielschichtige Enttäuschung, und niemand wird den Anteil der einzelnen Elemente sofort richtig deuten: die Enttäuschung mancher Arbeiter über die kurvenreiche und im Grunde konservative Taktik der meisten großen Gewerkschaftszentralen; die Enttäuschung und Empörung anderer darüber, daß man ihnen den Streik aufzwang; die Enttäuschung von Arbeiterfrauen über das emotionale Verhalten der Männer, die nicht mehr an die familiären Folgen langer Streikwochen dachten, die Enttäuschung eines Teils der nichtkommunistischen Linken über die Revolutionsbereitschaft, die ihr Fahnenträger, François Mitterrand, vorübergehend an den Tag legte, und die Enttäuschung eines anderen Teils über die Spaltungstendenzen, die sich daraus sofort ergaben.

Die Quittung ist der Verlust von insgesamt 1,2 Millionen Stimmen bei den Kommunisten und ihren Partnern von der „Föderation der demokratischen und sozialistischen Linken Die Tatsache, daß dieser Verlust zu einem knappen Drittel von der PSU, der radikalen linken Splittergruppe, aufgefangen wurde, ändert nur wenig an der Lage und erleichtert noch weniger die Diskussion in den beiden großen Parteien. Ist die Stellung Mitterrands an der Spitze der Föderation noch zu halten? Er hat in seinem Wahlkreis viele Stimmen verloren und, was noch schlimmer für ihn ist, von seiner unmittelbaren Gefolgschaft sind nur zwei Kandidaten in relativ aussichtsreicher Position. Die Föderation muß ihre Strukturen und ihre Allianz überdenken. Bei den Kommunisten wird dieselbe Diskussion, auch wenn sie langsamer anläuft, folgen. Sollte sie dazu führen, daß die Kommunistische Partei wieder zurück ins Getto muß, so mag dies ihr Verhalten für den Fall, daß die Ereignisse des Mai sich wiederholen, erheblich beeinflussen.

Niemand bestreitet, daß eine solche Wiederholung möglich ist. Im Regierungslager rufen deshalb manche weiterblickende Politiker nach einer Verbreiterung der Kabinettsgrundlage. Pompidou hat den Kandidaten der Mitte die Möglichkeit zu lokalen Wahlpakten geschaffen. Aber ob eine Regierungskoalition zustande kommen kann, ist völlig offen. Der Premierminister machte allen das Angebot, „sich um General de Gaulle zu scharen“. Doch das ist gerade der politische Stil, der die Wähler der Mitte abschrecken muß und ihre Beteiligung entwerten würde.

Wenn am kommenden Sonntag die Gaullisten allein, ohne jeden Koalitionspartner, eine absolute Mehrheit von Mandaten erreichen, kann der General natürlich die Reformen im Wirtschafts- und Universitätsleben, die er sich vorgenommen hat, sehr viel schneller in Gang bringen. Aber er wird bei denen, die auf Privilegien und erworbene Rechte verzichten müssen, auf um so weniger Verständnis stoßen, je größer sein Sieg ist. Die Angst, die sie im Mai hatten, möchten sie rasch vergessen.