FÜR Zeitgenossen, denen das Wort „Demokrat“ noch nicht schon wieder zum Schimpfwort geworden ist –

Georg Friedrich Rebmann: „Kosmopolitische Wanderungen durch einen Teil Deutschlands“, herausgegeben und eingeleitet von Hedwig Voegt; Sammlung insel 34, Insel Verlag, Frankfurt; 167 S., 6,– DM.

ES ENTHÄLLT vierzehn fiktive Briefe eines der vielen deutschen Intellektuellen, die von den Ideen der Französischen Revolution begeistert wurden. Georg Friedrich Rebmann (1768 bis 1824), Jurist und politischer Schriftsteller, war in seiner Jugend ein eifriger und mutiger Wortführer der Revolution; vor der Verfolgung durch die deutschen Zensurbehörden floh er – wie viele seiner Freunde – bis nach Paris. Er wurde Richter im französisch besetzten Rheinland und leitete die Prozesse gegen die berühmt-berüchtigten Räuberhauptleute Schinderhannes und Damian Hessel. Dabei fand er, daß auch an den Verbrechen der Räuberbanden die Gesellschaft mitschuldig sei, er aber nicht die Großen, sondern die Kleinen dafür bestrafen mußte. Rebmann resignierte vor der Widersprüchlichkeit seiner Epoche. Er hörte auf zu schreiben.

ES GEFÄLLT, weil Rebmann 1793, als er zu Fuß durch Sachsen und Preußen wanderte, seinen Kompromiß noch nicht geschlossen hatte. Er ließ es sich nicht nehmen, die Wahrheit zu sagen – über die Zustände in Berlin zum Beispiel, wo er nicht nur Paläste der Lindenstraße, sondern auch die Elendsquartiere der Strahlauer Vorstadt und Alt-Köllns beschrieb. Das große Thema der politischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts, das Gefälle zwischen Palast und Hütte, machte Rebmann für eine kurze Zeit zum Revolutionär: „Soll ein menschlicher Plan ausgeführt werden, so muß der Entwurf auf Vernunft, die Ausführung auf Leidenschaften gegründet sein. Die sogenannte gemäßigte Partei, die den langsamen, bedächtigen Mittelweg einschlägt, mag und wird immer herrschen, wenn das Schiff durch den Sturm hindurch glücklich ans jenseitige Ufer gebracht ist, aber während des Sturms ... muß durchaus die leidenschaftliche, alle Grenzen überschreitende Partei etwas Spielraum haben.“

Hilke Schlaeger