Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Im Stadtgefängnis von Washington fastet Pastor Ralph Abernathy – zu zwanzig Tagen Haft verurteilt, weil er am bitteren Ende des .Marsches der armen Leute" eine verbotene Demonstration vor dem Kapitol anführte. Mit seinem Hungerstreik will er vor allem den amerikanischen Klerus aller Konfessionen aufrütteln, das Unternehmen des Protestes fortzusetzen, das Anfang Mai in der Barackenstadt Resurrection City begonnen hatte. Der Marsch der sechzigtausend zum Denkmal Lincolns ließ die Solidarität der Bürgerrechtler, der Geistlichen, der Intellektuellen und der Studenten mit den unterprivilegierten Farbigen aller Rassen noch einmal machtvoll sichtbar werden. Aber am Ende des Unternehmens standen dann doch der gewaltsame Abbruch der "Stadt der Auferstehung und der Exodus der Armen.

Die Aufrufe Abernathys verhallten nicht ganz ungehört. Drei Dutzend Quäker, die sonst nur für ihre eigene Sache streiten und sich an Unternehmen anderer Bewegungen nicht beteiligen, kamen nach Washington, marschierten zum Kongreß und wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Andere kleine Organisationen, die den Protest der Armen fortsetzen wollen, blühten über Nacht auf, sind aber weder sehr stark an Zahl noch sehr gut gelenkt. Was Martin Luther King vorschwebte, als er im April den "Marsch der Armen" proklamierte, ist ausgeblieben: eine unübersehbare Bekundung der Nöte von dreißig Millionen Amerikanern, deren Einkommen unter dem amtlichen Existenzminimum liegt, von denen einige Millionen unzulänglich ernährt und bekleidet sind; und eine Erweiterung des Feldzuges für amerikanische Neger in einem Kreuzzug für die sozialen Forderungen aller zurückgesetzten, ausgestoßenen und degradierten Amerikaner jedweder Hautfarbe, die Weißen einbegriffen, ist ausgeblieben.

Dem untersetzten, schwerfälligen Baptistenprediger Ralph Abernathy, fehlt die Ausstrahlung, die King zu einem Propheten ganz Amerikas gemacht hatte; er ist eher ein Symbol jenes Negers aus dem agrarischen Süden, der sich als schlechtbezahlter Baumwollpflücker schindet, als des militant gestimmten Farbigen aus dem Getto der Großstadt, der seine Forderungen an die Gesellschaft selbstbewußt vertritt.

So ist es Abernathy nicht einmal gelungen, unter dem Vortrupp des armen Volkes die Einmütigkeit zu wahren. Die Mexiko-Amerikaner, auch eine stattliche Minorität von sechs Millionen Unterprivilegierten im Südwesten der USA, sagten sich von ihm los und betrieben ihre Forderungen auf eigene Faust beim Kongreß. Sogar unter den Negern des Armut-Kreuzzuges gab es keine Einmütigkeit. Die militanten jungen Leute der Black-Power-Bewegung sahen diesen gewaltlosen Protest ohnehin nur als eine kümmerliche Veranstaltung von "Onkel Tom" an, die den weißen Mann nicht beeindrucken werde. Die Gemäßigten und die traditionellen Bürgerrechtsorganisationen wie der Nationale Verband zur Förderung der Farbigen (NAACP) wollten sich nicht mit Armeleutegeruch behaften, sondern lieber ihre mittelständische Wohlanständigkeit wahren. So waren es wirklich nur die ganz Armen, die Unorganisierten und schlecht Geführten, die das Unternehmen in Washington bestritten.

Ihre Kundgebungen vor den Ministerien hatten einige kleine und handgreifliche Erfolge: Es werden mehr Lebensmittel an Bedürftige frei verteilt, und die Schaffung von hunderttausend zusätzlichen Arbeitsplätzen bis Jahresende ist in Aussicht gestellt. Der Kongreß jedoch, der allein die Mittel zu einem großzügigen Programm für die Beseitigung des sozialen Gefälles bewilligen kann, blieb völlig ungerührt. Seine konservativen und südstaatlichen Mitglieder hatten für die Barackenstadt der Armen, die jetzt abgerissen ist, nur die verächtliche Bezeichnung "Insurrection City" übrig: Stadt des Aufruhrs. Die Polizei hat dieses Ärgernis beseitigt. Aber das Ärgernis vieler Millionen Menschen, denen ihr Anteil am Ertrag der Überflußgesellschaft vorenthalten wird, ist damit keineswegs verschwunden.