Von Dietrich Strothmann

Israel hat derzeit Hochkonjunktur. Der Krieg vom letzten Juni, dann das zwanzigjährige Staatsjubiläum boten Anlaß, auch zwanzigjährige tigen, die Hülle und Fülle, sich diesem Staat an der Scheidelinie zwischen Europa und Asien zu widmen. Dabei hat die Israel-Literatur einen notwendigen, seit langem erwarteten Wandel erfahren: nach den journalistischen Reportagen und Analysen – den immer noch lesenswerten Büchern der "ersten Generation" von Joseph Kessel, Wolfgang Kahle und Christoph von Imhoff, erschienen um 1964/65 – ist endlich auch die politisch-wissenschaftliche zur Hand, die mehr bietet als nur Aufzeichnungen des flüchtigen Augenscheins über das Land der Bibel, das Leben im Kibbuz, das Treiben der jungen Israelis in Uniform und Bermuda-Shorts.

Israel, soviel freilich bleibt auch nach der Lektüre der neuen biographischen und politologischen Arbeiten gewiß, ist noch kein Land wie jedes andere, aus vielerlei Gründen. Es ist ein ungewöhnlicher Staat, was nicht in jedem Fall ein Prädikat bedeutet. Israel ist, noch immer, auf seine spezifische Weise unvergleichlich: der von einer benachbarten Übermacht bedrohte Kleinstaat; ein von Verstreuten aus aller Herren Länder bewohnter Viel Vielvölker-Landstrich; dazu ein innenpolitisches Pulverfaß, das von einer religiösen Orthodoxie und von sozialistischen Kadern mit Sprengstoff gefüllt wird, das einen Streit zwischen den Generationen in der Politik auszutragen hat, den Aufstand der Technologen und Pragmatiker gegen den "Klub des 19. Jahrhunderts" in den Parteien und der Staatsbürokratie; das um sein Selbstbewußtsein ringt, ein Staat der Juden oder ein Staat der Israeli zu sein oder, am Ende, beides zugleich.

Auch die Geschichte kennt kaum ein zweites Israel: die Rückkehr nach zweitausend Jahren an den Ort der Geburt des Judenstaates, die Insel der Geretteten und Entkommenen nach Auschwitz und Maidanek, sodann "gestählt" auf zuweilen zweifelhafte Weise in drei Kriegen, und noch immer, trotz der Erfüllung des uralten Gebetes, wieder in Jerusalem, im ganzen Jerusalem, zu sein, auf der Suche nach Frieden und Sicherheit. Ein Land der Bibel, der Propheten, der jüdischen Helden von Modiin und Masada, heimgesucht von Persern, Griechen, Römern, Kreuzrittern, Arabern und Türken, Heimstatt nun wieder, durch UN-Beschluß und Verteidigungsfeldzüge, der Nachfahren Abrahams, der Übriggebliebenen, die als Pioniere kamen und als Gehetzte, und der Nachgeborenen, die sich vor einem Jahr noch einmal behaupteten – zum letztenmal? Es gibt kein zweites Israel weit und breit; es ist unverwechselbar, gestern, heute...

Ein solches Land, aus der Feuertaufe gewachsen, ein solches Volk, aus der Not bewahrt, bringt auch ungewöhnliche Menschen hervor: Soldaten natürlich; Bauern aber auch, die den unwirtlichen Boden der Sümpfe und Wüste urbar machten; Techniker und Wissenschaftler, die ihre Fertigkeiten, ihr Wissen investierten, um in knappen zwanzig Jahren Industrien und Universitäten aufzubauen; und Politiker, die zum Regieren befähigt sind. David Ben Gurion, den sie den "Löwen" nennen und den "Propheten", ist einer von ihnen gewesen, ehe er sich, 81 jährig, nach 13 Jahren Regentschaft als Ministerpräsident schmollend und uneins geworden mit den alten Gefährten in sein Negev-Asyl von Saeh Boker zurückzog. Es war an der Zeit, daß sein wechselvolles Leben beschrieben und seine Rolle als "Vater" des Staates, seines Staates, angemessen gewürdigt wurde. Aus dem Französischen übersetzt liegt dazu Michel Bar-Johars Lebensabriß vor, abgeschlossen schon im Frühjahr 1966 und daher nicht mehr auf dem letzten Stand. Das mag noch hingenommen werden; bedenklicher dagegen ist bei dieser ersten Biographie Ben Gurions der Mangel an kritischer Distanz des Autors zu seinem Modell. Das Buch ist, von einigen vorwurfsvollen Bemerkungen gegen Ende der Schilderung abgesehen, eine einzige Huldigungsadresse an den Porträtierten, ein Lob ohne Schatten und Scharten. Bar-Johars persönliche Anteilnahme an dem Schicksal des großen Mannes, seine vorbehaltlose Bewunderung für den Baumeister und Beschützer des Judenstaates mindern nicht den Wert der mitgeteilten Tatsachen, wohl aber ihre Bewertung.

Ben Gurion, gewiß eine einzigartige Erscheinung, vergleichbar in dieser Statur wohl nur mit Churchill und Adenauer, ist darum nicht ohne Makel, seine Politik barg nicht nur Glanz und Ruhm – er wäre sonst nicht der Mann gewesen, der er war. Er war, als Staatsgründer und dann als Staatswahrer, auch ein Machthaber, umstritten im höchsten Maße selbst unter seinen Anhängern und Weggefährten. Und dennoch war er, in jenen Jahren der Ungewißheit und Gefährdung, für Israel der rechte Mann am rechten Platz. Ohne ihn, wer könnte es in Zweifel ziehen, wäre der Staat nach zwanzig Jahren nicht das, was er ist. Ben Gurion ist Israel, zumindest er war es für die Zeit, da er die Zügel fest in Händen hielt.

Sharett, lange Jahre Außenminister und einer seiner Parteigänger in stürmischer Zeit, beschrieb ihn einmal als einen Vulkan, der alles mit seinen Eruptionen rettet, der aber Lavaströme auswirft, die um ihn her brennen können. Davon, von dieser "Doppelgabe" Ben Gurions, ist in dieser Biographie manches notiert, das auch von dokumentarischem Wert ist. Eine kritische Würdigung dieser historischen Erscheinung steht noch aus.