Unzulängliches Arzneimittelgesetz – Jeder darf Chemikalien an Patienten erproben

Von Eberhard Greiser

Wenn irgendwo in der Bundesrepublik unabhängige Experten zusammenkommen, um über wissenschaftliche Gutachten zu entscheiden, wenn nach harter Diskussion der Vor- und Nachteile über die Zulassung oder Nichtzulassung eines neuen Stoffes zum Verkauf oder Gebrauch entschieden wird, dann kann man ganz sicher sein, daß diese Prozedur nicht einem neuen Medikament gegolten hat. Denn ein solcherart aufwendiges Verfahren leisten wir uns zwar, wenn ein neues Getreidesaatgut eingeführt oder ein Stier für die Zucht gekört werden soll – neue Medikamente aber können ohne qualifizierte Prüfung durch eine objektive Instanz unter das Volk gebracht werden. Und während eine kluge Politik uns durch ein ausgetüfteltes Lebensmittelgesetz daran hindert, während unserer gesunden Tage schädliche Konservierungsstoffe oder Insektenvertilgungsmittel im Übermaß aufzunehmen, sind wir während unserer kranken Tage möglicherweise auf das Fingerspitzengefühl unseres Hausarztes und das Wohlwollen unseres Schutzengels angewiesen, wenn wir vor Schaden durch unwirksame oder potentiell gefährliche Arznei bewahrt bleiben wollen.

Denn auf dem Gebiet des Arzneimittelwesens herrschen in der Bundesrepublik zum Teil Zustände, die einen aufmerksamen Beobachter mittelalterlich anmuten könnten.

Während es noch einer bestimmten Qualifikation und einiger Formalitäten bedarf, will man Arzneimittel herstellen und vertreiben – man muß entweder Apotheker sein oder als Arzt, Biologe oder Chemiker mindestens zwei Jahre praktisch in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet haben – so ist nach dem deutschen Arzneimittelgesetz keine Spur von Sachkenntnis vonnöten, solange man ein Medikament herstellt und lediglich an Patienten erproben will. Denn "keiner Erlaubnis bedarf ... eine natürliche Person, die .. Arzneimittel für den eigenen Bedarf oder unentgeltlich für andere ... herstellt " – so zu lesen in Kloesel-Cyran "Arzneimittelgesetz, Kommentar".

Diesen Umstand machte sich bis vor kurzem der "Biologe" Prodan Christoff zunutze, als er sein als Pflanzenprodukt bezeichnetes angebliches Krebsheilmittel CH 23 unter tatkräftiger Mithilfe der Regenbogenpresse in einer Privatklinik schwerkranken, aber zahlungskräftigen Patienten verabfolgte. Niemand kannte die Zusammensetzung dieses Mittels, niemand wußte, ob dieser "Erprobung" an Patienten Tierversuche vorausgegangen waren, um Wirkungen und Nebenwirkungen zu testen – keine Instanz war überhaupt berechtigt, in Unterlagen über dieses Medikament Einsicht zu nehmen. Es gelang erst dann, dieser Kurpfuscherei ein Ende zu setzen, als die letzte verantwortliche Ärztin der Klinik dem Staatsanwalt den Nachweis lieferte, daß Christoff sein Produkt nicht nur – wie behauptet – kostenlos abgegeben, sondern auch teuer an seine Patienten verkauft hatte. Damit hatte er es, juristisch gesehen, "in Verkehr gebracht" und gleichzeitig gegen mehrere Paragraphen des Arzneimittelgesetzes verstoßen.

Keine sachliche Prüfung