Von René Drommert

Kienholz könnte man bis zu den Schaubuden und Gruselkabinetten der Jahrmärkte zurückverfolgen, und noch weiter zurück bis zu den Labyrinthen und Wunderkammern des Manierismus.

Das heutige Environment stellt Kunstmarkt und Sammler vor eine neue Situation. Es übersteigt wenn nicht die finanziellen, so doch die räumlichen Möglichkeiten der Käufer. Sammler müßten, falls sich das Environment als aktuelle Form behauptet, ihnen eigene Häuser errichten, aber der Effekt wäre ephemer, da sich der auf spontane Wirkung angelegte Effekt des Environments nicht repetieren läßt. Das würde bedeuten, daß Ambientes nicht eine Kunst für Privatsammler, sondern für Museen darstellen.

Aber die auf der documenta wirklich dominierende Richtung ist die amerikanische Minimum Art. Theoretisch ist gegen das Prinzip, auf die einfachsten Formen, auf Primärstrukturen zurückzugreifen, wenig vorzubringen. Aber man kann sich in Kassel überzeugen, daß die Ergebnisse dieser Bemühungen nicht befriedigen. Donald Judd stellt acht Kästen aus rostfreiem Stahl in den Raum. Carl Andre legt Zementplatten auf den Boden, Dan Flavin montiert Neonröhren an die Wand. Joe Baer stellt monochrome Bilder her. Minimum Art will mit dem Wenigen das Meiste sagen. Aber haben die Dinge mehr auszusagen als die Botschaft ihres Materials?

Ist Pop-Art noch aktuell? Die IV. documenta scheint das zu bejahen. Wenn sie auf der vorigen documenta ihren Durchbruch erlebte, so hat sie sich inzwischen weltweit etabliert und präsentiert sich in zahllosen Varianten. In einem eigenen Saal sieht man ältere und neue Arbeiten von Lichtenstein, Rosenquist, Wesselmann und Rauschenberg. Rauschenberg hat bekanntlich inzwischen das Malen aufgegeben. In einem anderen Trakt sieht man sein Environment, das er eigens für die documenta hergestellt hat, ein Durchgang durch automatisch sich öffnende Wände.

Die eigentliche Sensation der documenta ist geplatzt. Christos 85 Meter hoher Schlauch, das "5450 m cubic package", ließ sich nicht aufblasen und aufrichten. Es fiel in sich zusammen – aber was heißt das schon.

In Kassel hat dieser Tage ein Maler und Kunstkritiker vor einem Ausstellungsgebäude der documenta IV mit revolutionärem Pathos ein Plakat entrollt, das die Aufschrift trug: "Pierre Boulez sagte, man sollte die Opernhäuser in die Luft sprengen. Ich meine, die Museen zuerst." Dann sprengte er eines seiner Bilder mit dem Hinweis auf dessen Minderwertigkeit in die Luft (sicherlich zu Recht). Gewiß hatte er nicht bedacht, daß der Antrag auf Vernichtung der Museen gar nicht so originell, sondern in der Geschichte der Kunst längst etabliert ist. Und natürlich erreichte er nichts, konnte er nichts erreichen. Sein auffälliges Ein-Mann-Happening diente ja mehr der eigenen Schaustellung als der Veränderung gesellschaftlicher Zustände: Es war Rebellion als "abstrakte Kunst".