Der Taxichauffeur wußte Bescheid, noch ehe ich ihm die Adresse genannt hatte. "Zur Kurzschule" hatte ich gesagt, woraufhin er anerkennend nickte und meinte: "Da haben’s die Madeln schön."

Wenig später begegnete ich einigen "Madeln", die braungebrannt und vergnügt an mir vor bei liefen. Für sie war es der letzte Tag in dem geräumigen Berchtesgadener Haus, für das Haus selbst und alle, die ihm verbunden sind, war es ein festlicher Tag, der einen vielversprechenden Anfang signalisierte.

Die dritte Kurzschule in der Bundesrepublik wurde feierlich eingeweiht. Ebenso wie bei den anderen beiden Instituten – der 1952 gegründeten Schule in Weißenhaus an der Ostsee und der seit 1956 bestehenden Schule in Baad im Kleinen Walsertal – ist auch hier die "Deutsche Gesellschaft für Europäische Erziehung e. V." die Trägerin.

Die Kurzschule ist so etwas wie ein Internat für vier Wochen, wo Jungen – und nun in Berchtesgaden auch Mädchen – zwischen sechzehn und zwanzig Jahren ein ungewöhnliches und für sie ungewohntes Leben führen.

Der Tag beginnt um 6.15 Uhr mit Gymnastik, dann folgt ein konzentriertes Programm: Erste Hilfe, Seiltechnik, Klettern, Bergwanderungen und Hochtouren – im Winter Skilaufen –, Karten- und Landschaftskunde, Sport, Sozialkunde, Theaterspiel und einiges mehr stehen auf dem Stundenplan. Die Freizeit ist knapp.

Die Kurzschule sieht ihre Aufgabe darin, junge Leute Verantwortung, Hilfsbereitschaft und Verständnis für den anderen zu lehren. Die Natur – hier die Berge, dort die See – ist dabei Mittlerin. Nicht für, sondern durch die See oder die Berge soll die Jugend erzogen werden.

Die Kurzschule ist eine Idee des großen Pädagogen Dr. Kurt Hahn, des Begründers der Schulen Salem und Gordonstoun. Das erste seiner Vier-Wochen-Internate entstand 1941 in England – Hahn mußte emigrieren –, weitere Einrichtungen folgten, und heute gibt es im ganzen zwanzig Kurzschulen – elf in Europa, neun in Übersee.