Von Rolf Zundel

Bonn, im Juli

Bundeskanzler Kiesinger wurde letzte Woche gefragt, was er denn davon halte, daß jetzt ein weiterer Schwabe ins Kabinett einziehe. Ein Schwabe, das ging ja noch, gab der Kanzler zur Antwort, aber der neue Minister sei überdies auch noch mit ihm verwandt. Und in behaglichem Plauderton erzählte er, wie sich die Familien Kiesinger und Eppler in einem Bauerndorf auf der Schwäbischen Alb um die Ehre gestritten hätten, wer denn nun die erste Familie am Orte sei und daß dieser Streit nach dem Vorbild großer Dynastien gelöst worden sei: durch Heirat.

Erhard Eppler, der nach den Parlamentsferien von Hans-Jürgen Wischnewski das Entwicklungsministerium übernehmen soll, ist zwar weitläufig mit dem Kanzler verwandt, zugleich aber unterscheidet er sich von ihm auf fast exemplarische Weise. Der "Grübler vom Schwarzwald", wie ihn mit liebevollem Spott einer seiner Fraktionskollegen nannte, tut sich selten leicht. Nicht zufällig hat er sich in seinen Studententagen (Fächer: Englisch, Geschichte und Deutsch) mit Kierkegaard beschäftigt, jenem gewaltigen Denker, der so gar kein Talent zur Lebenskunst besaß. Ganz so schlimm ist es bei Eppler freilich nicht, dafür erzählt er zu gern schwäbische Schmunzelgeschichten. Aber wenn man den Politiker Eppler ein wenig ankratzt, kommen doch manchmal Züge eines protestantischen Purismus zum Vorschein.

Die schnelle Kameraderie, die Stimmungsmache in eigener Sache liegen ihm nicht. Er ist ziemlich introvertiert und gerät deshalb leicht in den Verdacht, hochmütig und arrogant zu sein. Bei den Wahlen zum SPD-Fraktionsvorstand hatte er bisher kein Glück. Die charmante Leutseligkeit, die Kiesinger so trefflich beherrscht, ist dem ehemaligen Studienrat auch nicht gegeben. Der 41jährige ist inzwischen weit herumgekommen und hat bei manchen internationalen Konferenzen durch brillante Referate geglänzt, aber seine Weitläufigkeit wirkt immer noch sauer erarbeitet. Er gehört zu den Leuten, die höchst ungern reden, wenn sie nichts zu sagen haben.

Ein wenig ethischer Rigorismus war wohl auch im Spiel, als Eppler den Schritt in die Politik tat: Er gehörte mit Heinemann zusammen zu den Gründern der Gesamtdeutschen Volkspartei – jener Gruppierung, die hauptsächlich aus dem Protest gegen Adenauers Politik der Westintegration und der Wiederbewaffnung entstanden war. Eppler schämt sich dieser Zeit nicht, obwohl er schon 1955 die GVP verlassen hat – nicht zuletzt unter dem Einfluß von Fritz Erler, der ihn damals vor die Frage stellte, was er denn nun eigentlich wolle: einen Grabstein mit der Aufschrift: "Er hat immer recht gehabt" oder das Gefühl, in einer politischen Gemeinschaft Verantwortung zu tragen und für diese Gemeinschaft Verbesserungen durchzusetzen. Eppler hat sich gegen den Grabstein entschieden und für die Aufgabe, "von drei oder vier deprimierenden Alternativen die erträglichste durchzusetzen".

Es verwundert etwas, daß Erhard Eppler, der sicher zu den Liberalen zu rechnen ist und dessen Vater und Großvater Anhänger Friedrich Naumanns waren, nicht zur FDP gefunden hat. Gerade der Freisinnige Naumann aber ist für ihn der personifizierte Beweis dafür, daß der Liberalismus alter Prägung nicht mehr weiterhilft. In Naumanns Bemühungen, das Verständnis seiner Parteifreunde für die Gesellschaftspolitik zu wecken, in seinem letzlich gescheiterten Versuch ihnen klarzumachen, welche Rolle soziale Sicherheit als Basis menschlicher Freiheit spielt, glaubt Eppler eine symptomatische Schwäche zu erkennen: die Unfähigkeit des Liberalismus, sich zu sozialisieren. Für Eppler hat die SPD das Erbe des Liberalismus übernommen; das Godesberger Programm bedeutet für ihn die Liberalisierung des Sozialismus. So kommt es, daß er die Fehler der FDP gern unter dem Vergrößerungsglas betrachtet.