Im Bundestag, dem Eppler seit 1961 angehört, mußte er zunächst seine außenpolitischen Neigungen zügeln. Im Finanzausschuß wurde der gelernte Philologe in eine harte Schule für den Umgang mit Geld genommen. Er hat sich dabei gut geschlagen und wurde zum Fachmann für die Mehrwertsteuer. Helmut Schmidt brauchte viel Überredungskunst, um Eppler schließlich für die Außenpolitik "loszueisen". Und wie es damals der SPD schwerfiel, die Lücke zu schließen, so wird es auch diesmal nicht leicht sein, einen neuen SPD-Sprecher für die Außenpolitik zu finden. Kein Wunder, daß ihn Helmut Schmidt höchst ungern ziehen läßt.

Eppler hat als Außenpolitiker keine großen polemischen Reden gehalten, aber er bestach durch gründliche Analyse, durch seine Fähigkeit, hinter dem Zaun der gewohnten Schlagwörter nach gangbaren Wegen für die Verständigung zu suchen. In der letzten außenpolitischen Debatte hat er Brandts Ostpolitik am überzeugendsten und am klarsten dargestellt. Und er hat in Reisen nach Moskau, Warschau, Prag und Budapest nach Anknüpfungspunkten für diese Entspannungspolitik gesucht. (Er hat darüber auch in der ZEIT gelegentlich geschrieben.)

Willy Brandt war es, der Eppler schließlich dazu überredet hat, das Ministeramt zu übernehmen; man darf ihm getrost glauben, daß er selber keinen Finger dafür gerührt hat. An Intelligenz, an Sensibilität für das neue Amt fehlt es ihm gewiß nicht. Bei seinen Reisen nach Südostasien, in die Türkei und nach Kairo hat er aus eigener Anschauung Probleme der Entwicklungsländer kennengelernt. Etwas schwerer wird es ihm fallen, mit dem Beamtenapparat zurechtzukommen. Bisher hat er keine Verwaltungserfahrung, und manches, was ihm an natürlicher Ellbogengewandtheit fehlt, wird er durch Fleiß und Zähigkeit ersetzen müssen. Einer gewissen schwäbischen Dickköpfigkeit aber ist er durchaus fähig.

Mit spielerischer Grazie freilich wird Eppler die politische Verantwortung nie tragen. In seinem jetzt erschienenen Buch "Spannungsfelder" – schon der Titel ist bezeichnend – weist er sich als ein Politiker aus, der nicht nur glänzend formulierte Analysen liefert, sondern immer wieder im das Thema kreist, wie ein Weg zwischen blinden utopischen Träumereien und ebenso blinder Realpolitik gefunden werden kann. Seine Auseinandersetzung mit Karl Jaspers – zuerst in der ZEIT erschienen – ist deshalb so faszinierend zu lesen, weil hier der politische Kärrner dem apodiktischen und verabsolutierenden Philosophen entgegentritt – ein Kärrner freilich, der nicht aus Mangel an Moral und Philosophie zum Politiker geworden ist...

Hie und da wird Eppler von seinen Parteifreunden zum Vorwurf gemacht, er denke zuviel an die Ethik und zuwenig an die Durchsetzbarkeit von politischen Ideen. Der Abgeordnete tröstet sich damit, daß er in seiner Kirche – er ist Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD, stellvertretendes Mitglied der Synode, und hat an der Friedensstudie mitgearbeitet – beinahe als ausgepichter Machiavellist gilt. Seine Maxime – "menschliches und politisches Leben besteht im Durchhalten von Spannungen" – kommt nicht von ungefähr. Er gehörte zu jenen SPD-Abgeordneten, die sich bis zuletzt gegen die Große Koalition sperrten, aber er verteidigte die Notstandsgesetze, die vielen Kritikern als Inbegriff der verfehlten und gefährlichen Politik dieser Koalition gelten.

Erhard Eppler gehört, was unter Politikern nicht gerade die Regel ist, zu jenen Typen, die sich selber über die Schulter schauen. Diese ironisch gefärbte Distanz zu sich selber zeigte sich auch an jenen Tagen, als in das karg ausgestattete Zimmer im Abgeordneten-Hochhaus plötzlich die Journalisten einschwärmten, um von dem Minister in spe ein Konterfei oder ein paar markante Sätze zu ergattern. Halb irritiert, halb amüsiert ließ er den Rummel über sich ergehen und meditierte über die seltsamen Gesetze der Popularität. Als Abgeordneter, so erzählte er, war er jahrelang außerhalb seiner Fraktion und seines Ausschusses unbekannt geblieben. Dann aber machte er bei einem Fußballspiel in der Bundestagsmarnschaft mit und schoß sogar ein Tor. Das erste Autogramm war fällig: fortan war er im Bundeshaus bekannt, sogar bei den Pedellen.

Eppler besitzt eine gute Portion skeptischer Nüchternheit, die menschliche Schwächen einkalkuliert, ohne sie gleich zu verdammen. Diese Mischung aus idealistisch getönter Intelligenz und trockenem Realitätsbewußtsein ist bei Schwaben nicht selten zu finden. Insofern hat er wohl recht, wenn er von sich sagt: "Je länger ich in Bonn bin, desto mehr merke ich, wie schwäbisch ich eigentlich bin."